2. Einleitung
Der Roman „Il Consiglio d’Egitto“ stammt von Leonardo Sciascia und spielt in der Zeit von 1782 bis 1795. Es handelt sich hierbei um einen historischen Roman, dessen Grundgerüst den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht und der in einem glamourösen Betrug seitens der Hauptfigur endet. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit möchte ich zunächst näher auf den Autor eingehen und hinterher erst auf den Inhalt. Ich bin der Überzeugung, dass der Lebenslauf des Schriftstellers und auch die geschichtliche und politische Situation Siziliens zwischen 1948 und 1960 wesentlich zur Entstehung dieses Romans beigetragen haben. Um die Epoche, die als Basis für das Werk dient, besser verstehen zu können, möchte ich danach auf die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse des gesamten 18. Jahrhunderts eingehen. Darauf folgend werde ich mich der Hauptfigur und deren Meisterwerk des Romans, die es in der Realität tatsächlich gegeben hat, widmen. Der Schwerpunkt wird hierbei unter anderem bei den Originaltexten liegen, das heißt, dem zu übersetzenden und übersetztem Text. Den Schluss meiner Arbeit werden eigene Gedanken hinsichtlich der Motive für das Entstehen des Romans, selbst interpretierte Ziele, die der Autor möglicherweise angestrebt haben könnte sowie aufgetretene Probleme, bilden.

3. Der Autor
Leonardo Sciascia wurde am 8. Januar 1921 in Racalmuto, Sizilien geboren. Dort wuchs er in sehr schlichten Verhältnissen auf. Nach der Schule begann der zukünftige Schriftsteller eine Schneiderlehre und besuchte dann von 1935 bis 1942 eine Lehrerbildungsanstalt wo er den ersten Kontakt mit aufgeklärten Ideen und der amerikanischen Literatur hatte. Nach einer Zwischenphase als Angestellter einer Behörde wurde er 1949 Volksschullehrer. 1970 schied er aus dem Schuldienst aus und widmete sich nur noch dem Schreiben. Die letzten Jahre wurden von Krankheiten bestimmt, die mit seinem Tod am 20. November 1989 endeten.

Leonardo Sciascia ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Italiens des 20. Jahrhunderts und der Erste, der Sizilien mit einer extrem kritischen Nüchternheit beschrieben hat. Er arbeitete viele Jahre als Leiter der Kulturzeitschriften „Galleria“ und „Quaderni di Galleria“ und schrieb unzählige Essays und mehrere Bücher zur Literatur. Allein über den sizilianischen Literaturnobelpreisträger Luigi Pirandello (1867 bis 1936) verfasste Sciascia drei Bücher. Doch zu seiner Berühmtheit trugen wesentlich die Romane bei, in denen er sich mit dem Phänomen der Mafia auseinander setzte. Seine brillanten, mit Witz vorgetragenen Analysen des italienischen Systems, in dem Politik, Kirche und die Ehrenwerte Gesellschaft eng miteinander verbunden sind („Il giorno della civetta“, „A ciascuno il suo“, „Morte dell’Inquisitore“, „Todo Modo“ und „Porte aperte“). Jenseits aller Aufgeregtheiten sieht Sciascia in der Mafia eher ein kulturelles und soziales Phänomen, die Mafia interessiert ihn mehr als Geisteshaltung denn als Organisationsform des Verbrechens. Der Wert seiner Bücher liegt hauptsächlich in der Skandalisierung seiner Zeit und der Geschichte. Seine Inspiration holte er sich aus den kahlen Gegenden, der unmenschlichen Anstrengung der Inselbewohner, der zu Verzweiflung und Ignoranz führenden Misere und den Eigenschaften der Menschheit seiner Heimat.
Er war ein leidenschaftlich engagierter Intellektueller, der sich regelmäßig in öffentliche Debatten einmischte und für politische Unruhe sorgte. Obwohl er fest mit seiner kargen, bäuerlichen Heimat Sizilien verbunden war, stand der Autor gleichzeitig in der Tradition der europäischen Aufklärung. Außerdem spielte er eine wichtige Rolle in den öffentlichen Debatten Italiens, in die er immer wieder mit Vorträgen, Essays und Artikeln eingriff. In zwei Anläufen beteiligte er sich auch aktiv an der Politik. Als Unabhängiger auf der Liste der Kommunistischen Partei wurde er 1975 in den Stadtrat von Palermo gewählt, legte jedoch schon 18 Monate später sein Mandat nieder, weil er mit den Kommunisten in Streit geriet. 1979 zog Sciascia noch einmal für vier Jahre als Abgeordneter des „Partito Radicale“ ins Europäische Parlament.

4. Inhalt des Werkes
Bei einem Pflichtaufenthalt des marokkanischen Botschafters in Palermo, bekommt Giuseppe Vella, ein dem Glücksspiel verfallener Kaplan der Malteserritter, von ihm den Auftrag ein arabisches Schriftstück über das Leben des Propheten Mohammed zu übersetzen. Aus dem Original soll bald eine Chronik der arabischen Herrschaft über Sizilien werden. Jener Text, bekannt als „Consiglio di Sicilia“ wird sich allerdings schon bald als Schwindel herausstellen, da sein Inhalt in übersetzter Form nicht dem Original entspricht. Zusätzlich konzipiert der Betrüger einen weiteren, noch verwegeneren Kodex, der mit der Zeit des Übergangs zwischen arabischer und normannischer Herrschaft datiert ist. Inhaltlich gesehen würde „Il consiglio d’Egitto“, die Abschaffung aller feudalen Privilegien erlauben und somit als Basis für ein revolutionäres Komplott fungieren. Die Aristokraten von Palermo beginnen sich wegen der möglichen Folgen einer Veröffentlichung dieses Werkes, zu ängstigen. Es könnte passieren, dass der eine oder andere Besitz eigentlich gar nicht ihnen, sondern der Krone gehört. Der Betrüger wird mit Bestechungsgeschenken überhäuft, damit er in seinem Werk eine Verbindung zwischen den zeitgenössischen und früheren Aristokraten herstellt und somit deren Privilegien und Besitztümer sichert. Gegenüber den Aristokraten steht di Blasi als Anhänger der Französischen Revolution, der mit seinen wenigen Sympathisanten eine Revolte plant um aus Sizilien eine Republik nach französischem Vorbild zu machen. Ein Problem mit Folgen war allerdings, dass er das niedere Volk vom Lande nicht für seine Ideen mobilisieren konnte. Nach der Entlassung des revolutionär-eingestellten Vizekönigs fällt die Insel wieder in ihre alten Strukturen zurück und ein Bürger der Stadt klärt die Polizei über die Pläne von di Blasi auf. Daraufhin werden er und seine Anhänger gefangengenommen und nach vielen Foltern di Blasis, zum Tode verurteilt. Auch Giuseppe Vella wird gefangengenommen, nachdem sich seine beiden Werke als Fälschungen herausstellten.

5. Der geschichtliche Hintergrund
5.1. Getreideanbau und Wirtschaft
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dürfte Sizilien doppelt so viel Weizen produziert haben wie es selbst verbrauchte. Im Durchschnitt jedoch sank die Menge des exportierten Getreides. Es wurden viele Erklärungen dafür vorgeschlagen, wieso in dieser Zeit, in welcher der Ackerbau in anderen Gebieten eine großartige Entwicklung zu nehmen begann, in Sizilien rückständig blieb. 1775 stellte der Wirtschaftsexperte Paolo Balsamo fest, dass in den vergangenen 75 Jahren der Nahrungsverbrauch um das Doppelte gestiegen war, die Produktion aber die gleiche geblieben war. Zudem zogen die Menschen in die Städte und ließen das landwirtschaftlich nutzbare Gebiet verarmt zurück.
Obwohl die Politik diese Schwierigkeiten nur noch vermehrte, wurde ihr Eingreifen notwendig. Die Getreidesteuer war jene Abgabe, die am einfachsten einzutreiben war. Vor allem aber traf sie die Armen und wurde somit vom Parlament und den bürgerlichen Autoritäten akzeptiert. Zusätzlich bildeten die zahlreichen Zollschranken und die zu ihrer Wahrung notwendigen Amtsträger ein gewaltiges Hindernis für den Handel. Außerdem mussten stets genügend Nahrungsmittel für einen Notfall in Sizilien verbleiben. Ein Drittel der Ernte wurde zu einem kontrollierten Preis den örtlichen Behörden übergeben und der Rest eingelagert. Im Dezember jedes Jahres wurde berechnet wie viel von dem eingelagerten Getreide in den folgenden sechs Monaten für die Aussaat und Ernährung der Bevölkerung gebraucht werden würde. Dementsprechend wurde entschieden wie viel ausgeführt werden durfte.
Eine Auswirkung dieses Systems war der rege Schmuggel von Waren. Die öffentliche Meinung stand aus Prinzip und aufgrund des wirtschaftlichen Eigeninteresses auf der Seite der Schmuggler. Durch die geringere Menge an deklariertem Getreide, wurde auch die Menge für den Export wesentlich geringer. Diese Tatsache wirkte sich wiederum negativ auf die Preispolitik aus.

5.2. Landbesitz und Straßensystem
Das 18. Jahrhundert zeichnete sich dadurch aus, dass abwesende Grundeigentümer sich nicht mehr dazu veranlasst sahen, neue Dörfer zu gründen. Die in Erbpacht übergebenen Güter wurden so weit aufgeteilt, dass die Erhebung der Pachtzinsen fast so unmöglich wurde wie eine sinnvolle Bewirtschaftung. Bei der bevorzugten Vertragsform wurde ein Gut für drei oder manchmal auch sechs Jahre an den gleichen Pächter vermietet. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden diese, manchmal sehr reichen Pächter als die neuen Tyrannen der ländlichen Gebiete bezeichnet. Sie wollten selbst Aristokraten werden und hatten den Ruf noch rücksichtsloser als die Grundeigentümer zu sein. Auf diese Weise kamen die Bauern in einen Zustand völliger Abhängigkeit und mussten ihre Verträge täglich oder bestenfalls jährlich erneuern. Zudem trachtete der Pächter als Gentleman-Kapitalist danach,fern von seinen Gütern zu leben. Eine grundlegende Ursache dafür, dass die sizilianische Landwirtschaft dem Wettbewerb immer weniger gewachsen war ist, dass fast alle Gewinne in den Städten ausgegeben wurden, wo die Grundeigentümer wohnten.
Bessere Strassen und Brücken wären die ersten Voraussetzungen für eine blühende Landwirtschaft gewesen. Außerhalb Palermos gab es hauptsächlich nur weitschweifige Maultierpfade und breite Schafstriften, was dazu führte, dass die Transportkosten stiegen. Bei so hohen Transportkosten hatten die Bauern wenig Veranlassung, einen Überschuss für den Markt zu produzieren. Ein Netz von wirklichen Überlandstraßen hätte mehr zum Wandel von Wirtschaft, Politik und Sitten beigetragen als jede andere Reform. In den 70ger Jahren wurde der Straßenbau doch zur Angelegenheit öffentlichen Interesses. Ein neapolitanischer Militäringenieur sollte Pläne für eine Hauptstraße zwischen Palermo und Catania entwerfen. Durch Verhinderungspolitik wurde diese Aufgabe allerdings unmöglich gemacht und Sizilien blieb weiterhin ohne Straßen, die diesen Namen verdient hätten.

5.3. Die Edelleute
Die Macht der Edelleute auf Sizilien war im 18. Jahrhundert genauso stark wie im restlichen Europa. Die meisten von ihnen waren sehr arm, ungebildet und aufgrund der sinkenden Rentabilität des Getreideanbaus, schwer verschuldet. Trotzdem lagen sogar Städte im Krongut in den Händen der Aristokraten. Ein Hauptgrund dafür war sicherlich, dass Pächter immer häufiger als Gutsverwalter eingesetzt wurden. Zudem gab es das Problem, dass man die Pächter nur schwer zur Zahlung des Pachtzinses zwingen konnte, wodurch die Gläubiger leer ausgingen. Des weiteren wurde das Geld eher zur Steigerung des eigenen Prestiges als für produktive Investitionen ausgegeben. Die Tatsache, dass die Aristokratie viel verbrauchte und nichts produzierte, war also eine grundlegende Ursache für die Rückständigkeit der Insel. Selbst auf Kosten der Armut unternahm sie alles um die gesellschaftlichen Verhältnisse des Feudalismus so weit wie möglich zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Zudem entwickelten die Juristen eine sophistische Rechtfertigung dieses aufkommenden Bastard-Feudalismus. Sogar Städte im Krongut wurden häufig von den lokalen Aristokraten beherrscht.
Die Aristokraten jener Zeit waren die perfekten Gegenspieler der reformorientierten Stadtbewohner. Dieses Phänomen zeigt sich auch sehr klar in Sciascia’s historischem Roman. Im dritten Kapitel gibt es verschiedene Dialoge zwischen Aristokraten, kirchlichen Intellektuellen und einer kleinen reformorientierten Menge. Inhaltlich geht es um die sich ändernden Zeiten. Die Edelleute vertreten eine konservative Haltung und verhalten sich eher skeptisch und zurückhaltend. Hinter jener höflichen Zurückhaltung verbirgt sich in den meisten Fällen allerdings ein gewisses Hassgefühl gegenüber dem Vizekönig. Im Gegensatz dazu, begrüßen die restlichen Beteiligten jene Änderung in den Strukturen der Insel und stehen auch offen dazu. Eine weitere Eigenschaft der Aristokraten im Roman, zeigt sich in deren Einstellung zur Arbeiterklasse. Für sie sind jene Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt mit den eigenen Händen erarbeiten müssen, eine andere Art Mensch. Die Edelleute sind der Meinung, dass sie mehr haben, nur weil sie beispielsweise von ihren Eltern viele Besitztümer auf ihren Lebensweg mitbekommen haben. Für diese Gesellschaftsschicht ist es unverständlich, dass die Arbeiterklasse, trotz kärglicher Besitzverhältnisse, eigentlich reicher ist, weil jene niedrigere Bevölkerungsschicht sich ihr Hab und Gut mit eigenen Kräften erarbeitet hat. Im Laufe der Jahre wurde der Einfluss aus Frankreich immer stärker und somit auch das unbehagliche Gefühl der Edelleute. Wann immer der Name eines französischen Intellektuellen fiel, war die Aristokratie genervt und fühlte sich bedroht. Erst nachdem jegliche Personen mit revolutionären Gedanken nichts mehr sagen oder tun konnten, war die höhere Gesellschaft beruhigt.

5.4. Die Intellektuellen und das Problem von Reformen
Ein wesentlicher Grund wieso in Sizilien die Stimme der Revolution eher gedämpft war, war die Bindung, welche die wenigen Intellektuellen an die konservative Welt fesselte. Als das ancién régime unter Beschuss geriet, wurden die Jesuiten und die Kirche zum ersten Angriffsziel reform-orientierter Verwaltungsbeamten in Neapel. Die Macht der reaktionären Jesuiten über das Erziehungswesen war völlig unbeliebt. Außerdem wollte man jesuitische Latifundien in Kleinlandbesitzungen aufteilen. Dies hatte aber wenig Erfolg und die Güter wurden großen, in weltlicher Hand befindlichen Latifundien zugeschlagen. Im Bildungswesen erlebten der Elementarunterricht und die Höhere Bildung einen Aufschwung. Es wurde eine Akademie und technische Schulen eingerichtet. Von weitaus größerer Bedeutung war aber, dass Sizilien nun den Hauptströmungen des europäischen Denkens direkter ausgesetzt war. Die Insel wurde bekannter und regte viele Reisende zu einem Besuch an. Es wurden auch französische Bücher herausgegeben und auf die Insel geschmuggelt, welche einer kleinen Schar die europäische Aufklärung zur Kenntnis brachte. Die neuen Ideen wurden allerdings noch nicht wirklich aufgenommen. Auch im Primärwerk gibt es hierfür einen Beleg. Der Rechtsgelehrte di Blasi hatte viele aus Frankreich stammende Bücher, die er unter anderem an eine Aristokratin verlieh, um ihr den Inhalt der französischen Gedanken näher zu bringen. Jene Dame nimmt den Inhalt aber nicht wirklich ernst, sondern lächelt eher darüber.
Wie wenig die kirchlichen Intellektuellen ihren Ideen wirklich nachgehen konnten, kann man sehr gut am Beispiel des monsignor Airoldi erkennen. Bereits zu Beginn des Romans wird ersichtlich, dass er sich gegenüber den Reformen nicht nur neutral verhält, sondern diese sogar begrüßt. Aufgrund seiner Berufung als Geistlicher, ist es ihm aber nicht erlaubt, wie beispielsweise di Blasi sich gänzlich für die Veränderungen einzusetzen. Seine einzige Möglichkeit besteht darin, Giuseppe Vella bei seinem Vorhaben zu unterstützen und vor Gegnern zu schützen.

5.5. Der Aufstand von Palermo 1773
Im Laufe des 18. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl von Palermo um fast das Doppelte an. Der Vizekönig war bemüht, einerseits das städtische Proletariat mit Almosen und billigem Brot zu versorgen und andererseits den Adel mit Ehrungen und glanzvollen Nichtigkeiten bei Laune zu halten. Die inneren Angelegenheiten Palermos wurden vom Bürgermeister und vom Rat genau überwacht. Dennoch konnten die Gilden in Notsituationen große Autonomie und Macht gewinnen. Von Bedeutung war auch, dass ihnen das Tragen von Waffen gestattet war und sie somit als Hilfspolizei wirken durften.
Als 1773 der Aufstand in Palermo losbrach, waren die Gilden die einzige wirksame Machtgruppierung auf der Insel. Der Hintergrund dieser Revolte lag in der zunehmenden Unzufriedenheit der Aristokratie. Der Vizekönig Marquis Fogliani hatte 1770 vor, Palermos Steuerbefreiungen anzugreifen und Steuern auf Luxusgüter einzuführen. Eine Missernte im Jahre 1773 brachte das Fass schließlich zum Überlaufen: Im einfachen Volk kam es zu ersten Unruhen. Aus Angst vor einem Aufstand flüchteten viele Adelige aufs Land, was die Arbeitslosigkeit in der Stadt verschlimmerte und die Gegensätze zwischen den Bevölkerungsschichten verstärkte. Als sich die Schweizergarde der Bourbonen zum Eröffnen des Feuers provozieren ließ, reagierten die unteren Bevölkerungsschichten mit der Befreiung von Gefangenen und Verbrennung polizeilicher Akten. Zuletzt wurde der Palast angegriffen und der Vizekönig zog sich nach Messina zurück. Die Gildenmitglieder agierten nun als Polizei und hinderten den Erzbischof daran, die gewöhnliche Polizei wieder einzusetzen. Die Lebensmittelversorgung wurde schnell reorganisiert und auch die Stadtregierung sicherte sich wieder ihre Autorität über das Umland. In kleinen Schritten gewann auch die Aristokratie ihre Autorität zurück und die Großen der Stadt wünschten sich nichts mehr, als dass die Gilden als politische Macht ausgeschaltet würden.

5.6. Das Vizekönigtum des Caracciolo
Das Vizekönigtum unter Marquis Domenico Caracciolo dauerte von 1781 bis 1786. Vor allem in Frankreich hatte er gelernt all das abzulehnen, was er bei Regierungsantritt in Sizilien vorfand. Er wartete nicht vor jeder Initiative die Zustimmung des Königs ab und war Bestechungsversuchen gegenüber unzugänglich. In Palermo begann er seine Reform, sehr zum Verdruss der Ratsherren, mit der Reduktion der jährlichen Paraden von über 100 auf 18. In Sciascia’s Roman wird dieser Punkt recht ausgiebig dargestellt. Es wurde nicht nur die Anzahl der Paraden herabgesetzt, sondern auch die Anzahl der Tage, an denen die Festivitäten stattfinden sollten. Vor allem bei religiösen Veranstaltungen gab es große Widersprüche. Es war zwar anzunehmen, dass die Gegner des Vizekönigs protestierten, aber auch seine Befürworter waren in diesem Punkt nicht mit ihm einer Meinung.
Carracciolo verringerte aber auch die Posten der Stadtverwaltung und die Gilden erlitten ihre folgenschwerste Niederlage, da ihnen das Monopol der Stadtverteidigung und jegliches Recht auf ein eigenes foro entzogen wurde. Caracciolo’s Hauptangriffsziel war allerdings der Adel. Als erstes ließ er die extrem feudalen Doktrinen des Carlo di Napoli verwerfen und drohte jedem strenge Strafen an, der behauptete, dass die Lehen dem König nicht mehr zurückgegeben werden müssten. In diesem Zusammenhang gibt es auch in Sciascia’s Roman eine Stelle, an der man die Reaktion der Aristokraten gut erkennen kann. „Il consiglio d’Egitto“ war noch in der Entstehung, als sich bereits erste Angstgefühle seitens der Edelleute zeigten. Die Besitzer größerer Ländereien befürchteten, dass ihr Besitz vom Gesetz her eigentlich der Krone zustünde. In so einem Fall hätte jede einzelne Adelsfamilie ihren Stammbaum nachweisen müssen, und es konnte passieren, dass vor allem sogenannte neue Aristokraten, nicht dazu in der Lage waren. Folglich würde die Aneignung der Ländereien als widerrechtlich eingestuft werden und der Besitz zurück an die Krone gehen.
Als ersten Versuch in Richtung einer fortschrittlichen Steuerpolitik führte Caracciolo eine jährliche Abgabe auf alle Karossen der Adelshäuser ein, mit welcher die Pflasterung der Straßen in Palermo finanziert wurde. Als nächstes wurde eine Steuer auf Grundeigentum eingeführt. Auch hier hatten Sciascia’s Aristokraten einiges auszusetzen. Sie waren fest davon überzeugt, dass die aristokratischen Privilegien heilig wären und von allen Königen und Vizekönigen anerkannt seien. Niemand hätte das Recht, daran etwas zu ändern oder die Vorzugsrechte anzuzweifeln. Ein weiteres Angriffsziel stellte der wirtschaftliche Protektionismus dar, da ein freier Handel eine bessere Vorsorge gegen Hungersnot bot. Zudem wollte der ambitionierte Vizekönig kleinere und dadurch gewinnbringendere Bauerngüter schaffen. Aber die lokalen Verantwortlichen standen so sehr unter dem Einfluss der Barone, dass die Pachtverträge nur bereits ansässigen Großgrundbesitzern angeboten wurden, was wiederum die Struktur der Latifundien noch mehr verfestigte. Wie sehr die Aristokratie unter seiner Herrschaft zu leiden hatte, macht sich auch in „Il Consiglio d’Egitto“ bemerkbar. Der Prinz von Trabia schrieb nicht nur im Roman, sondern auch in der Realität einen Brief an den Marquis della Sambucca. Darin schilderte er welch große Qualen die Edelleute aus Palermo durchstehen mussten. In Verbindung mit der Abschaffung sämtlicher Privilegien, wurde die noble Schicht teilweise mit der mittleren Klasse gleichgestellt. Die Tatsache, dass auch Aristokraten wie das mittlere Bürgertum festgenommen werden konnte, sorgte für Furore in den höheren Gesellschaftsschichten. Der Inhalt dieses Schreibens verdeutlicht die Antipathie der Aristokraten gegenüber jeglichen Reformen und demnach auch gegenüber dem damaligen Vizekönig Carracciolo, sehr gut .

5.7. Der Teilerfolg der Reform
Nach seiner Zeit als Vizekönig wählte er selbst seinen Nachfolger. Der Prinz von Caramanico war auch ein überzeugter Reformator aber als Vizekönig effizienter. Zudem hatte er Freunde unter den Baronen, die ihm auch etwas entgegenkamen. Eine seiner Leistungen bestand darin, die Steuern den Einkommen proportional anzupassen und die Barone einen angemessenen Teil der donativi zahlen zu lassen. Der Feudalismus wurde weiter geschwächt, als der König die aus dem 13. Jahrhundert stammenden Gesetze volentes und si aliquem bestätigte. Laut diesen Rechtsstücken durfte man Lehen nicht mehr als Volleigentum vererben oder veräußern. Zusätzlich brauchte man vor einem Erbgang die Bestätigung des Königs und eine besondere Zahlung musste entrichtet werden. War die Erbfolge nicht klar oder konnte man den Erbtitel nicht nachweisen, so gingen die Ländereien wieder an die Krone zurück. Zudem konnte man den Bauern die gemeindliche Nutzung von Landgütern nicht nehmen. In der Praxis versuchte man zwar deren Auswirkungen zu lindern, aber nun wurden die einfachen Leute direkt dazu ermuntert auf ihre Rechte zu bestehen.
Paolo Balsamo verfolgte das Landproblem mit großer Besorgnis. Er hielt sich drei Jahre lang in Norditalien, England und Frankreich auf, um die neuesten landwirtschaftlichen Techniken zu studieren. Aber er wollte nicht die Schwierigkeiten erkennen, die entstehen, wenn er das englische Modell auf Sizilien übertragen würde. Nun begannen einige Intellektuelle manche der fundamentalen Prinzipien des ancien régime in Frage zu stellen. Es bestand tatsächlich die Gefahr, dass die Reformen eine Forderung nach politischer Freiheit hervorrufen würden. Die Bedrohung durch den Einfluss des Jakobinismus wurde durch eine französische Revolutionsarmee vergrößert, die in Sichtweite der Stadt lagerte.
Während dem Vizekönigtum Caramanico’s, bekam Vella ernstzunehmende Gegner: Den Kanoniker Gregorio und den österreichischen Wissenschaftler Hager. Sie verspürten sehr starke Zweifel an der Echtheit von Vella’s Texten und versuchten mit allen Mitteln ihn bloßzustellen. Bis auf wenige Ausnahmen, wird der Fälscher von der gesamten Bevölkerung der Stadt Palermo, trotz der Ängste vor Konsequenzen bewundert. Daher erscheint es für sie auch unverständlich, dass es jemanden geben soll, der Vella für einen Betrüger hält und demnach die Wissenschaftlichkeit jener hoch angesehenen Menschen, die Vella unterstützen, in Frage stellt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt forderte der Malteser seinen österreichischen Gegner in einem Gericht heraus, um die Glaubenswürdigkeit seiner Texte zu beweisen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Schwindler die fünf anwesenden Richter von seiner Behauptung überzeugen, aber der Rechtsgelehrte Francesco Paolo di Blasi fand nach kurzen Überlegungen heraus, auf welcher Seite die Wahrheit stand. Er hütete sich allerdings seine Vermutungen preiszugeben, da Vella’s Schaffen in seinen Augen und in kreativer Hinsicht ein Meisterwerk war. Nach jener Art Gericht, bekam der Maltesermönch Schuldgefühle bezüglich seiner Schriften und beichtete Airoldi, den „Consiglio d’Egitto“ erfunden zu haben. Es war vorherzusehen, dass man Vella früher oder später gefangen nehmen würde und so war es auch.
Nach dem Tod von Caramanico, übernahm der Geistliche Lopez y Royo vorübergehend die Funktion des Vizekönigs. Seine Art zu Regieren stand in absolutem Gegensatz zu seinen zwei Vorgängern. Er tat alles in seiner Macht stehende, um die Macht der Jakobiner auf Nichts zu reduzieren und ließ alle aus Frankreich stammenden Bücher mit aufgeklärten Ideen verbrennen. Das Thema Giuseppe Vella und seine Übersetzungen interessierte ihn hingegen überhaupt nicht. Damit sollten sich andere beschäftigen.
Di Blasi machte sich Gedanken über die Zukunft Siziliens und nützte die der Literatur gewidmeten Versammlungen, um die politischen Ziele, welchen er heimlich nachging, seinen Mitmenschen näher zu bringen. Der revolutionär eingestellte Rechtsgelehrte plante für die Karfreitagsprozession 1795 eine republikanische Rebellion. Doch dies kam der Polizei, auf Umwegen von Meli ausgehend, zur Kenntnis und di Blasi wurde gefangen genommen, gefoltert und am 20. Mai 1795 öffentlich enthauptet. Seine Sympathisanten kamen vor allem aus der Schicht der Handwerker und ihre Ideen waren nicht ganz klar. Solche Aufstände gingen weniger auf den Jakobinismus oder politische Anlässe zurück, als vielmehr auf die Neigung der Sizilianer zu Aufständen. Auf diese Weise entging der Insel die Botschaft der Französischen Revolution. Es war völlig unwahrscheinlich, dass eine spontane Revolte hätte Erfolg haben können. Nur wenn Napoleon rechtzeitig nach Sizilien übergesetzt hätte, hätte das Werk eines Caracciolo und Caramico zu einem folgerichtigen Schluss gebracht werden können.

6. Fiktion und Wirklichkeit
6.1. Betrug und Fälschung
Als sich der Barock dem Ende zuneigte und sich erste Zeichen des Jakobinismus und der Revolution verbreiteten, gab es in Sizilien zwei Figuren über die man besonders oft sprach. Sie waren nicht Teil der offiziellen Geschichte, dennoch sollte man nicht auf sie vergessen. Sie symbolisierten die Mentalität der Zeit und ein Verhalten, das sich sehr oft auf Sizilien zeigte: Der Betrug. Für die Sizilianer waren Betrug und Täuschung keine Fremdwörter. Sicherlich konnte man dies als eine Erweiterung jener Bösartigkeit und jener Kunst sich zu arrangieren verstehen, mit der man zu überleben oder sich Reichtümer anzueignen versuchte, die einem von Geburt an verwehrt geblieben waren. Eine dieser zwei Personen war der Mönch Vella, der für die Sizilianer den Ruf als Betrüger bestätigte und für den größten Fälschungsskandal des 18. Jahrhunderts sorgte. Vella war ein bescheidener, von Malta stammender Mönch. Er zog nach Palermo um dort den Posten als Kaplan der Malteserritter zu belegen. Er lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen und beschäftigte sich zudem als Traumdeuter, um seine finanzielle Lage auf diese Weise ein bisschen aufzubessern. Durch den unerwarteten Besuch des marokkanischen Botschafters wird er sich der Möglichkeit bewusst, in den Genuss von Privilegien zu kommen und somit seinen Lebensstandard aufzubessern. Er ließ sein Umfeld glauben, er sei der arabischen Sprache mächtig und lieferte eine komplett ausgedachte Übersetzung eines arabischen Codicis ab. Zudem wusste Vella, dass der Vizekönig Caracciolo jegliche Gesetzestexte zum Schutze der feudalen Privilegien, vernichten wollte. Laut jenen, aus normannischer Zeit stammenden Codicis musste sich das Bürgertum dem Adel gegenüber auf die gleiche Weise verhalten wie gegenüber dem König. Als sich Giuseppe Vella des Ziels Caracciolo’s bewusst wurde, kam er auf die Idee, seine nächste Fälschung mit jenem Inhalt zu versehen: Die Abschaffung der feudalen Privilegien. Vergleicht man die Eigenschaften dieses Mönches wie sie im Roman stehen, mit jenen die man der Geschichtsschreibung entnehmen kann, so wird sogleich die Übereinstimmung auffallen. In einem historischen Roman werden zwar immer gewisse Parallelen zur realen Figur sichtbar, es kommt aber eher selten vor, dass einen komplette Übereinstimmung vorliegt.

6.2. Die originalen Dokumente
Heutzutage gibt es noch die eine oder andere Kopie des „Consiglio di Sicilia“ in Buchhandlungen, die auf antike Werke spezialisiert sind. Der Titel lautet „Codice Diplomatico di Sicilia sotto il Governo degli Arabi“ obwohl der eigentliche Name des Manuskriptes „Vita di Maometto“ lautet und eher unter dem Namen „Codice Martiniano“ bekannt ist. Zurzeit gibt es drei, in italienischer Sprache geschriebene Bände, die jeweils in zwei Teile unterteilt sind. Das historische Dokument wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts von Martino La Farina in die Abtei von San Martino delle Scale in der Provinz von Palermo gebracht. Auch zu dieser Tatsache kann man in Sciascia’s Werk eine Verbindung erkennen. Bereits im ersten Kapitel wird ersichtlich, dass jener Kodex mehrere Jahrhunderte hindurch in dieser Abtei aufbewahrt worden war und nun, im ausgehenden 18. Jahrhundert, in der Obhut des monsignor Airoldi liegt. Die herausgegebene Übersetzung beinhaltete geschichtliche und statistische Tatsachen. Darunter eine Aufstellung der Untertanen vom Gouverneur Muhammed ben AJUB nach Alter, Geschlecht und Glaubensangehörigkeit. Diese Statistik bezog sich auf das damalige Kasminah. Zusätzlich zu dieser Aufstellung gab es eine geographische Karte. Der Übersetzer behauptete, dass es sich um ein Dokument handelte, das die Privilegien sizilianischer Aristokratenfamilien nach seiner Veröffentlichung abschaffen könnte. Der Kodex war aber nichts anderes als das Leben des Mohammed.
„Vita di Maometto“ erzählt wie der Titel bereits erwähnt, das Leben des Mohammed. Ab seinem 6. Lebensjahr wuchs er bei seinem Großvater auf und nach dessen Tod bei seinem Onkel. Aufgrund des großen Unterschiedes zwischen armen und reichen Menschen, verbrachte er seine Kindheit in einer Zeit, in der finanzielle Schwierigkeiten nicht selten waren. Schon in jungen Jahren verabscheute er die Vergötterung und folgte einem moralisch einwandfreien Lebenswandel. Im Alter von 25 Jahren heiratete er und hatte sechs Kinder von denen aber nur eines überlebte. Ab seinem 40. Lebensjahr beschäftigte er sich sehr mit den Lebensverhältnissen seiner Mitbewohner und meditierte viel über religiöse Fragen. Während dem Monat des Ramadan zog er sich immer in eine Höhle nicht weit von der Mekka zurück. In einem unbekannten Jahr empfing er eine Art Anleitung, von der er glaubte sie käme vom Erzengel Gabriel. Jene Visionen bildeten die Basis für den Koran und veranschaulichten das ideale Leben eines Muslimen. Der Koran verbot die Vergötterung, lehrte seine Mitmenschen sich völlig ihrem einzigen Gott zu verschreiben und die Rituale, welche den fünf täglichen Gebeten vorausgehen, auszuführen. Zuletzt wurde der Freitag als der Tag ernannt, an dem gemeinsam in der Moschee gebetet wird.

6.3. Folgerung
Aufgrund des Inhaltes kann man sehr gut erkennen, dass es sich hierbei um eine Anweisung, Art religiöses Gesetz gehandelt hat. Von dieser Perspektive aus betrachtet, haben der Originaltext und die frei erfundene Übersetzung eine Gemeinsamkeit. Der Phantasietext beschreibt allerdings die rechtliche Situation der Besitzverhältnisse sizilianischer Aristokraten. Giuseppe Vella’s zweite Fälschung scheint in einem gewissem Zusammenhang mit den unter 5.7 genannten Gesetzen aus dem 13. Jahrhundert zu stehen. Wie bereits erwähnt, hat das Schriftstück tatsächlich existiert. Trotz intensiver Recherchen, war es mir allerdings nicht möglich den Originaltext in einer detaillierteren Form zusammenzufassen, weil ich nirgends einen Hinweis oder das Facsimile selber finden konnte. Daraus schließe ich, dass der zweite von Giuseppe Vella übersetzte Text im Laufe der Zeit verloren gegangen sein muss. Dies wäre insofern eine plausible Erklärung, da das Dokument aus juridischer Sicht keinen Wert besitzt. Wieso allerdings seine erste Übersetzung erhalten geblieben ist, die ja aus politischer Sicht auch keinen Wert hat, und die Erste nicht, ist unverständlich. Um diese Frage allerdings beantworten zu können, bräuchte es einer besonderen Nachforschung mit Zugriff auf ausgewählte Werkbestände.
7. Zusammenfassung
Als das von Leonardo Sciascia stammende Werk entstanden ist, war Italien zwar bereits eine Republik, aber zumindest in Sizilien gab es aus politischer Sicht noch einige Unstimmigkeiten, deren Ursprung, im Prinzip, bereits Jahrhunderte zurücklag. Innerhalb des sizilianischen Staatskörpers gab es nach der Autonomie tiefe Risse, deren Hauptspaltungen vor allem entlang der Klassengrenzen verliefen. Viele Großgrundbesitzer hofften, die Autonomie in ihrem Sinne einsetzen zu können um somit die demokratische Tendenz zu beenden. 1948 aber wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Besitz von mehr als 200 Hektar zusammenhängenden Landes verbot. Die Gesetze bewirkten zwar einigen Wandel, waren allerdings aufgrund der alteingesessenen Landwirtschaftsform kein uneingeschränkter Erfolg. Auch Italiens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahre 1958 behinderte die Fortentwicklung der sizilianischen Landwirtschaft. Die Verquickung von Politik und Reform wiederholte sich nun auf internationaler Ebene.

Wieso Sciascia ausgerechnet das ausgehende 18. Jahrhundert als zeitlichen Rahmen und Betrug und Fälschung als Thema für sein Werk ausgewählt hat, kann vielerlei Gründe haben. Ich bin der Meinung, dass einer davon wahrscheinlich war, dass er auf die Missstände in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sizilien aufmerksam machen wollte. Die Insel hatte seit eh und je ein Problem mit der Landwirtschaft, das sowohl früher als auch zur Zeit der Entstehung des Romans, auf die Großgrundbesitzer zurückzuführen war. Da die Probleme im 18. Jahrhundert besonders deutlich zu spüren waren, recherchierte Sciascia die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse jenes Jahrhunderts, um ein möglichst wahrheitsgetreues Bild geben zu können. Nachdem das Werk das Scheitern zweier Pläne beschreibt, wird besonders auf jene Punkte aufmerksam gemacht, die verändert werden sollten und auch wo die Ansätze dazu liegen. Die damalige Situation bildet somit das Grundgerüst für den Roman. Allerdings werden die Fakten schnell in den Hintergrund gestellt, um als eine Art Bühnenkulisse zu dienen. Der Leser wird somit indirekt auf das eigentliche Ziel herangeführt. Als Sciascia seinen Recherchen nachging, musste er unweigerlich auf den Skandal um Giuseppe Vella stoßen. Somit hatte er auch ein Hauptthema: Die Fälschung der Geschichtsschreibung. Es ist ja auch heutzutage allgemein bekannt, dass je mehr ein Objekt gewinnbringend sein soll, ein Mensch desto schneller zu Betrügereien bereit ist. Anhand dieses Werkes kann man sehr gut sehen, wozu ein Mensch im Stande ist, um aus wirtschaftlicher Sicht jenes Ziel zu erreichen, dass er sich vorgesetzt hat. Auf das Werk bezogen, kann man sich gut vorstellen, welche Auswirkungen so ein Betrug, vorausgesetzt er wird nicht als solcher aufgedeckt, eventuell auf eine ganze Insel hätte haben können und nicht immer nur eine überschaubare Menge von Menschen betrifft.
Sobald sich der Leser allerdings mit der Frage beschäftigt, was genau der Autor eigentlich mit diesem Werk erreichen wollte, stellt sich heraus, dass es gar nicht um den Betrug selber geht, sondern darum, welches das Ziel jener Fälschungen war. Und somit endet der Kreis wieder dort wo er angefangen hat, nämlich bei den Problemen der Geschichte sowohl im 18. als auch im 20. Jahrhundert.

8. Schlussworte
Während der Bearbeitung meiner Arbeit sind immer wieder einige Probleme aufgetreten. Sciascia ist eher für seine Kriminalromane bekannt, daher gibt es nicht allzu viele Arbeiten, die mein zu behandelndes Primärwerk bearbeiten. Aus diesem Grund, haben sich meine Recherchen vor allem auf das Internet konzentriert. Besonders bei der Suche nach Details bezüglich der Originaldokumente und der Fälschungen, waren einige Seiten sehr nützlich. Ein Werk, das ich nicht so gut als Anregung für meine Arbeit verwenden konnte, war „Fälschung und Plagiat als Motiv in der zeitgenössischen Literatur“ von Kathrin Ackermann. Darin stellt sie unter anderem auf einigen Seiten, Sciascia’s Werk dar. Anders als ich, geht sie eher auf die Thematik der Fälschung ein und vergleicht die zwei Hauptfiguren des Romans Vella und di Blasi. Nachdem ich in meiner Arbeit rein auf die Geschichte Siziliens eingehen wollte, empfand ich dieses, ansonsten sehr gut geschriebene Buch nicht sehr hilfreich für mich.

9. Literaturverzeichnis
Ackermann, Kathrin: Fälschung und Plagiat als Motiv in der zeitgenössischen Literatur. Heidelberg: Winter, 1992
Biblioteca apostolica vaticana: http://www.vaticanlibrary.vatlib.it/BAVT/home.asp?LANGUAGE=ita, 25.01.2003
Biblioteca centrale della regione siciliana: http://www.regione.sicilia.it/beniculturali/bibliotecacentrale/tesori/sectio_islamica_i_pag.htm, 25.01.2003
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