Fernando de Rojas und sein Werk La Celestina
Der Autor
Fernando de Rojas wurde 1465 in der Nähe von Toledo geboren und war
getaufter Jude. Seinen akademischen Titel hat er durch ein Jurastudium
erworben. Seit etwa 1517 lebte er in Talavera de la Reina, wo er 1538
Bürgermeister wurde und 1541 gestorben ist. Seine Bildung läßt
sich nur indirekt erschließen, über seine literarische Tätigkeit
weiß man im übrigen nichts. Seine jüdische Abstammung
ließ es ihm am Ende geraten erscheinen, sie nicht allzusehr herauszustellen1.
Werkgeschichte
Das Werk ist in der Wende zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert entstanden.
Weder die Umstände der Entstehung noch der Publikation waren geeignet
um ein derart lebhaftes Interesse, wie es der Fall war, hervorzurufen.
Kein berühmter Dichter ist als Autor auszumachen; nicht einmal
ein sonst bekannter.
Vermutlich im Jahre 1499 erscheint in Burgos die editio princeps des
Werkes. Titelblatt und Hinweise auf den Autor fehlen. Diese Ausgabe
umfaßt 16 Akte mit den dazugehörigen Inhaltsangaben. Eine
weitere Edition mit derselben Jahresangabe, die in Medina del Campo
herausgekommen sein soll, ist wahrscheinlich apokryph. 1500 und 1501
erscheinen in Toledo bzw. Sevilla zwei weitere Ausgaben, nach wie vor
ohne Verfasserangabe. Ihr Titel: Comedia de Calisto y Melibea. Im eigentlichen
Textbestand mit der ersten bekannten Edition identisch, enthalten sie
zusätzlich ein Vorwort, dann eine Abfolge von elf Oktaven, eine
kurze Inhaltsangabe des ganzen Werkes, und am Ende abermals einige Oktaven.
Nicht weniger als fünf neue Auflagen des Werkes erscheinen allein
Jahre 1502. Vier von ihnen verwenden zum ersten Mal den Titel Tragicomedia
de Calisto y Melibea, während die fünfte unverbindlich überschrieben
ist Libro de Calisto y Melibea y de la puta vieja Celestina. Die Ausgaben
bringen eine wesentliche Erweiterung des Textes. Zwischen den 14. und
15. Akt der alten Editionen wird der sogenannte Tratado de Centurio
eingeschaltet, der in der neueren Zählung von der Mitte des 14.
Aktes bis zur Mitte des 19. Aktes reicht. Die Akte 20 und 21 der Ausgaben
von 1502 entsprechen dem 15. bzw. 16. Akt ihrer Vorläufer. Die
Edition Toledo 1526 bringt schließlich eine neuerliche Interpolation.
Als neuer 19. Akt erscheint der Acto de Traso, so daß diese Fassung
auf insgesamt 22 Akte kommt.
Die vorhin erwähnten einleitenden Oktaven bilden ein Akrostichon,
dessen jeweils am Versanfang stehende Buchstaben einen Schlüssel
zu dem Werk anbieten. Sie ergeben folgenden Satz: EL BACHILLER FERNANDO
DE ROJAS ACABO LA COMEDIA DE CALYSTO Y MELIBEA Y FUE NASCIDO EN LA PUEBLA
DE MONTALVAN2.
Tragödie oder Komödie?
Bis 1501 einschließlich wird das Werk als comedia, seit 1502 zumeist
im Titel als tragicomedia bezeichnet. Der Prolog der Edition Sevilla
1502 erklärt diese Umbenennung so: Der ursprüngliche Autor
habe das Stück wegen seines heiteren Anfangs "Komödie"
genannt, manche aber hätten wegen des traurigen Ausgangs die Bezeichnung
"Tragödie" für angemessen gehalten. Er, der jetzige
Bearbeiter, habe einfach einen Mittelweg gehen wollen.
Die Celestina ist zwar in Akte gegliedert, aber deren Zahl bedeutet
nicht nur vom Unfang her eine Sprengung dessen, was landläufig
unter dem Rahmen eines Theaterstückes zu verstehen ist. Die Celestina
ist dann wohl auch nie in ihrer vollständigen Fassung gespielt
worden. Aus den sie begleitenden Einleitungs- und Schlußbemerkungen
geht hervor, daß sie vielmehr zum Vorlesen gedacht war.
Inhalt
Calisto, ein junger und stattlicher Adeliger von Verstand, dringt auf
der Suche nach seinem verlorenen Falken, in einen Garten ein, wo er
auf Melibea stößt, in die er sich verliebt. Auf ihre Ablehnung
und den Rat Sempronios hin, beschließt er sich an Celestina zu
wenden um durch sie an die Liebe Melibeas zu gelangen. Der Kupplerin
gelingt es mittels Tricks, daß Melibea sich in Calisto verliebt.
Dessen Diener versuchen einen Nutzen aus der Leidenschaft ihres Herren
zu ziehen. Dieser hatte Celestina eine Goldkette versprochen, falls
es ihr das Vorhaben gelingen sollte. Als dies geschieht, verlangen die
Diener ihren Anteil. Als sich Celestina weigert diesen herzugeben, wird
sie von ihnen getötet. Daraufhin werden sie von der Gerechtigkeit
gefangengenommen und exekutiert. Calisto erfährt die Nachricht
dessen am darauffolgenden Tag. Er vereinbart ein nächtliches Treffen
mit Melibea. Er steigt die Seilleiter empor und als er wieder hinabsteigt
um fortzugehen, reißt diese und Calisto stürzt in den Tod.
Mit dem Tod ihres Geliebten konfrontiert, steigt Melibea auf einen Turm
hinauf und stürzt sich davon hinab, nachdem sie ihrem Vater die
Gründe für ihren Selbstmord erklärt hatte. Das Werk endet
mit Tränen und moralischen Reflexionen von Pleberio, dem Vater
Melibeas3.
Charaktere
Calisto
Calisto und Melibea, deren Liebe im Mittelpunkt des Geschehens steht,
begegnen sich nur selten. Ihre Gestalten erscheinen der Celestinas eher
bläßlich. Ihre Beziehung zueinander steht ganz im Schatten
Celestinas. Eine Entwicklung tritt erst ein, als Calisto zu Tode stürzt.
Jetzt erst handelt Melibea wirklich aus eigenem Antrieb indem sie sich
tötet.
Passivität und auch Besessenheit, kennzeichnen im besonderen Calisto.
Im Gegensatz zu fast allen anderen Gestalten des Stückes erscheint
er, obwohl offenkundig begütert und allem Anschein nach von adliger
Herkunft, im Grunde als sozial unverwurzelt. Wer seine Eltern sind,
erfährt man nicht, obwohl er im 14. Akt von seinem Vater als einem
in der Stadt angesehen Mann spricht: Der Richter, der Sempronio und
Pármeno habe hinrichten lassen, sei ein Günstling seines
Vaters gewesen, und er, Calisto, habe gehofft, daß jener ihn aus
Dankbarkeit würde gewähren lassen, selbst wenn er Tausend
Menschen töten würde. Solche Gleichgültigkeit gegenüber
der öffentlichen Gesetzlichkeit verrät Adelsmentalität
(Muchos días son pasados, ... eran manifiestasAkt 20 S. 229-230).
Freilich gibt es in der Tragicomedia kaum ein Indiz für diese allgemeine
Achtung, deren sich Calisto bei seinen Mitbürgern erfreuen soll.
Nur gelegentlich einmal scheint sich so etwas wie ein gesellschaftliches
Gefälle zwischen Melibea und ihm aufzutun. Calisto klagt wiederholt
darüber, daß Melibea ihm in allem, auch in ihrer edlen Abstammung
weit überlegen sei (Pero no de Melibea; ... porque haya algún
refrigerio. Akt 1 S. 53-54, Porque amo a aquella ante quien tan indigno
me hallo, que no la espero alcanzar. Akt 1 S. 51). Eine soziale Differenz
wäre aber auch als Erklärung dafür denkbar, daß
in dieser Liebe zweier unverheiratet junger Leute der Gedanke an die
Ehe keine Rolle spielt. In einer Welt, in der nach den Worten Sempronios
der Adel nur noch von relativem Wert ist und nur die eigenen Verdienste,
das eigene Ansehen zählen, in dieser Welt wird die Stellung des
einzelnen durch sein Vermögen, seinen Reichtum bestimmt (Y dicen
... sino en la tuya; Akt 2 S. 74). Calisto ist reich, obwohl von seinem
Gewerbe nie die Rede ist, und der Reichtum macht ihm die Diener und
Celestina gefügig, er öffnet ihm den Weg zur Erfüllung
seines Liebesverlangens. Calisto existiert nur in seiner und durch seine
Liebe zu Melibea. Daraus ergibt sich ein gestörtes Verhalten zu
den traditionellen Ordnungen. In einer Welt, in der sich sogar Celestina
einen ganz naiven christlichen Glauben bewahrt, ordnet Calisto die christliche
Heilslehre seiner Liebe unter, setzt er Melibea an die Stelle Gottes
(Por dios la creo, por dios la confieso y no creo que hay otro soberano
en el cielo; Akt 1 S 51).
Beständigkeit legt Calisto nur in seinem Liebesverlangen an den
Tag. Schon über die Möglichkeit, dieses zu verwirklichen,
ist er höchst unsicher, sein Gemütszustand bewegt sich ständig
zwischen Extremen. Auch darin zeigt sich seine naive Weltfremdheit.
Nie urteilt er von einem festen Standpunkt. Seine Meinungen sind stets
oberflächlich und vollkommen von seiner jeweiligen Gemütsverfassung
abhängig. Natürlich durchschaut er die kluge Celestina nicht,
aber er hat auch keine kritische Distanz zu den viel plumper agierenden
Dienern und merkt nicht einmal, daß Pármeno zunächst
sein Wohl im Auge hat. Sein hilfloses Urteilen zeigt sich besonders
am Ende des 13. Aktes, als er die Nachricht vom Tode der beiden Diener
kommentiert (Oh día de congoja! ... de morir los que murieron.
Akt 13 S. 188) Die Diener Pármeno und Sempronio präsentieren
sich am Anfang der Tragicomedia als gegensätzliche Charaktere,
was Calisto im 1. Akt noch richtig erkennt. Sempronio verkörpere
mehr die niederen materiellen Neigungen, Pármeno eher das Geistige,
und das Geistige stehe höher als das Leibliche. Aber er zieht keine
Konsequenz aus der Auseinandersetzung die sich zwischen den beiden Dienern
abspielt. Er schilt und verdächtigt Pármeno, ihm zu seinem
Nachteil zu raten, wo es in Wirklichkeit Sempronio ist, der ihn in die
verhängnisvolle Bindung an Celestina drängt. Am Ende ist folgerichtig
der Gegensatz zwischen Pármeno und Sempronio aufgehoben.
In Calistos Augen bricht sich die Realität, wie Sempronio sagt,
auf besondere Weise (No has rezado en la festividad de San Juan, do
dice: "Las mujeres ... a ésta menospreció Helías
profeta", etc.? Akt 1 S. 52). Die plötzlich hereinbrechende
Wirklichkeit macht ihn im Guten wie im Bösen hilflos bis zur Selbstentäußerung.
Er flüchtet sich dann gar aus der eigenen Identät. Bei der
Nachricht vom Tode der Diener geht seine Hilflosigkeit bis zur vorübergehenden
Ich-Spaltung (Oh mezquino yo ... con el recibido placer. Akt 14 S.193-195).
Den Ausweg, den er schließlich aus der unbewältigten Verzweiflung
findet, ist für ihn charakteristisch. Er flüchtet sich in
Einbildung. Seiner menschlich unbedeutenden Existenz entspricht das
aus dem Kreis der übrigen gewaltsamen Todesarten in der Tragicomedia
herausfallende undramatische, banale Ende.
Melibea
Melibea ist das, was man als "glänzende Partie" bezeichnen
könnte. Sie besitzt alle nur denkbaren persönlichen und sozialen
Qualitäten, die für ihre Eltern bezeichnenderweise nur im
Hinblick auf eine Heirat einen Wert haben. Alles, was ein künftiger
Bewerber nur verlangen könnte, besitzt seine Tochter (En quien
caben ... hallarán bien cumplida. Akt 16 S. 205). Die Tragik
Melibeas ist , daß sie bei diesen Voraussetzungen zur Liebe außerhalb
der Ehe getrieben wird und diese Entwicklung schließlich aus freien
Stücken akzeptiert. Später als Calisto zwar, aber genauso
rettungslos, verfällt Melibea der Leidenschaft. Celestinas Werben
für Calisto hat sie nichts entgegenzusetzen (Oh, cuánto
me pesa ... por ella muy secretamente. Akt 4 S. 100). Ihr nächster
Auftritt zeigt bereits, daß die Liebe sie ergriffen hat (Vente
conmigo delante Calisto, oirás maravillas. Akt 5 S. 103). Ihr
Gebet verrät, daß sie sich ihrer Ausweglosigkeit ebenso bewußt
ist wie der moralischen Problematik. Nachdem sie sich aber im Verlauf
einer unausweichlichen Entwicklung Calisto hingegeben hat, bejaht sie
hellsichtig ihre Liebe als beglückende Emanzipation. Sie wisse
sehr wohl, wer und was sie zu der Liebe getrieben habe: Calistos heftiges
Drängen, seine Persönlichkeit, die Gerissenheit Celestinas
und deren gefährliche Besuche. Nun bedauert Melibea die Zeit, da
sie Calisto noch nicht gekannt hat.
Melibea will lieber eine gute Geliebte als eine schlechte Ehefrau sein.
Daß sie sich mit dieser Haltung außerhalb geltender Normen
und damit der Gesellschaft selbst stellt, ist ihr klar. Der Tod ist
ihr die einzige Alternative zu ihrer Liebe (Afuera, afuera ... me aplace.
Akt 16 S. 207). Als Calisto von der Leiter fällt und umkommt, tötet
sie sich, weil sie nach dem Tod ihres Geliebten nicht länger leben
kann, im Bewußtsein der großen Schande, die sie über
ihre Eltern gebracht hat. Die Begründung für ihren Selbstmord
gibt Melibea in einem Monolog, der den größten Teil des 20.
Aktes einnimmt und den eigentlichen Höhepunkt der Tragicomedia
darstellt. Melibeas Todesmonolog wird wiederum von der ihrem Charakter
eigenen Verquickung leidenschaftlicher Ergriffenheit und distanzierter
selbstkritischer Sachlichkeit bestimmt. Die Entstehung ihrer beiderseitigen
Zuneigung schildert Melibea ganz nüchtern. Ihr eigenes Verhalten
rechtfertigt sie weniger, als daß sie die Ursache erklärt.
Bei dem Gedanken an ihren bevorstehen Tod spielt das Selbstmitleid keine
ausschlaggebende Rolle.
Melibeas Ansprache an den unten lauschenden Vater kontrastiert in der
unpathetischen Offenbarung einer verzweifelten persönlichen Situation
eigentümlich mit der demonstrativ zeremoniösen Art ihres Selbstmordes
vor den Augen Pleberios. Die Worte Melibeas vermögen wohl zu rühren
aber erst die Handlungsweise des Mädchens gibt ihrer Gestalt den
großen dramatischen Akzent, der zugleich von der Handlung her
den Schlußpunkt setzt.
Rückschlüsse auf den sozialgeschichtlichen Zeitgeist
Mischung zweier Stände
Zwar bildet die Liebe Calistos und Melibeas das tragende Gerüst
dieses Geschehens, aber es wird doch die Absicht des Autors deutlich,
nicht nur die Welt der beiden Liebenden darzustellen. Ihr tritt, dem
äußeren Umfang nach fast gleichberechtigt, die Welt der Celestina
gegenüber. Zwischen beiden Lebenskreisen besteht ein Gefälle,
wie es sich krasser kaum denken läßt. Calisto ist von edler
Abstammung, offensichtlich nicht unbegütert. Desgleichen Melibea,
die geradie durch die Kombination dieser Vorzüge zu einer "begehrten
Partie" wird. Das ist eine Welt, die mit der Celestinas auf den
ersten Blick gar nichts gemein hat, außer daß alle Personen
dieses Stückes Stadtbürger sind. Der Lebensbereich der Kupplerin
ist schon durch seine Ansiedlung in einer städtischen wie sozialen
Randlage als gesellschaftlich tiefstehend gekennzeichnet. Äußerlich
kommunizieren beide Welten zunächst durch Celestina selbst, aber
beinahe noch mehr durch die Diener Calistos, die in beiden Bezirken
ihre Unverwurzeltheit an den Tag bringen4.
Tabuthema: Liebe
Die Liebesbindung zwischen Calisto und Melibea hat trotz ihrer relativen
Aufrichtigkeit einige sehr heikle Aspekte. Dazu gehören die Verletzung
des gesellschaftlichen Ehrenkodex durch die außereheliche Beziehung
und noch mehr deren dubiose Ursprünge. Als der junge Mann mit seinen
sehr eindeutigen Absichten bei dem Mädchen keinen Erfolg hat, spielt
er seinen Reichtum aus und setzt damit die Geschehenskette erst in Gang.
Indem Sempronio und Pármeno ihr Verhalten vorwiegend an ihren
Gewinnaussichten orientieren, spiegelt sich in ihnen die soziale Situation
des 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts. Die Diener haben keine
wie auch immer patriarchalisch fundierte Bindung an ihren Herrn mehr
und suchen ihr Heil in der Anpassung an die neue soziale Skala5.
Das Gewinnstreben
Ein Ausdruck solch prononcierten Gewinnstrebens kann auch der Neid der
Besitzlosen auf die Besitzenden sein. Nach den Worten der Dirne Elicia
ist es für die Begüterten sogar einfacher ins Paradies zu
kommen (Akt 7). Für Elicia und ihre Gefährtin Areusa kristallisiert
sich die soziale Unzufriedenheit im Neid auf Melibea, mit der sie sonst
gar nichts zu tun haben (Akt 9). Dieser Neid ist es auch, der die beiden
anstiftet, den Tod von Sempronio und Pármeno an Calisto und Melibea
zu rächen, obwohl diese dafür gar nicht verantwortlich sind.
Die Aussicht auf materiellen Vorteil bestimmt die menschlichen Abhängigkeiten
und Verhaltensweisen. Sie führt im extremen Fall zum Mord (Akt
3). Auch die Liebe ist für Celestina nur eine Ware, ein Handelsobjekt.
Das Thema von der Macht des Geldes hat aber noch eine andere, geradezu
moralistisch anmutende Komponente. Es ist die zutiefst pessimistische
Lehre von der Wertlosigkeit oder der Gefährlichkeit des Besitzes.
Celestina kommt durch ihren frisch erworbenen Reichtum zu Tode, die
beiden Diener Pármeno und Sempronio gehen auf der Jagd nach dem
Geld zugrunde, Calisto muß die teuer erkaufte Liebe mit dem Leben
bezahlen, ebenso Melibea6.
Der christliche Glaube
Zum Realismus der Celestina gehört der christliche Glaube, dessen
Zeichen den Protagonisten unverkennbar aufgeprägt ist. Im Augenblick
des Todes rufen Celestina und Calisto nach dem Beichtvater, denken Sempronio
und Pármeno an das jüngste Gericht. Celestinas dubioses
Gewerbe ist ebenso wenig ein Hinderungsgrund für ihre naive Gläubigkeit
wie Calistos lästerliche Vergöttlichung Melibeas. Gerade darin
zeigt sich, wie sehr er der christlichen Vorstellungswelt verhaftet
ist. Melibeas Frömmigkeit scheint ohnehin außer Zweifel zu
stehen. Sie paßt zu dem Status des wohlbehüteten jungen Mädchens
aus gutem Hause. In ihrer Liebesnot betet sie zu Gott und bittet ihn
um Kraft (Akt 10). Auch ihr Schlußmonolog kurz vor dem Tod bestätigt
diesen Glauben. Im Augenblick des Sturzes empfiehlt sie ihre Seele Gott.
Über das kirchlich Unzulässige des Selbstmordes spricht sie
nicht7.
Die Schicksalsgöttin Fortuna
Als ein weiteres, noch augenfälligeres Element renaissancehaft
antikisierenden Gedankenguts erweist sich der Glaube an das Wirken der
Fortuna, der von vielen Personen der Tragicomedia bekundet wird. Daß
er offensichtlich ohne Schwierigkeit neben der christlichen Religiosität
bestehen kann, ist für die Dichtung des 15. und 16. Jahrhunderts
nichts Überraschendes. Schon das Mittelalter hatte der einstigen
Schicksalsgöttin der römischen Antike gelegentlich einen Platz
im christlichen Weltbild eingeräumt. Fortuna ist jetzt die unmittelbar
für das irdische Geschick des Menschen verantwortliche göttliche
Macht, wobei freilich eine Abhängigkeit zwischen menschlicher Tüchtigkeit
und der Gunst der Götter besteht. Fortuna hilft nur dem Tapferen,
Beherzten, wie Celestina einmal sagt (Akt 5).
Werkzeug wie Symbol von Fortunas Wirken ist das Rad. Wer die oberste
Stufe des irdischen Glücks erklommen hat, muß, wie es die
Bewegung des Rades ausdrückt, wieder herab. Auf der Höhe ihres
Erfolges bei Calisto und Melibea nimmt Celestina ihr eigenes Ende ahnungsvoll
vorweg. Ihr Ansehen habe den Gipfel erreicht, notwendigerweise müsse
es jetzt abnehmen. Sie sei ihrem Tod nahe. Eine ganz ähnliche Überlegung
stellt Calisto an, als er die Nachricht vom Sturz seiner Diener Sempronio
und Pármeno aus dem Fenster und ihrer Hinrichtung kommentiert
(Akt 13). Die Diener waren unmäßig geworden, dafür mußten
sie bezahlen, mußte es wieder abwärts gehen. Ahnungslos assoziiert
Calisto im Gedanken an Fortuna und die von ihr bewirkten Stürze
sein eigenes Ende. Tatsächlich fällt er nachher von der Leiter
(Akt 20)8.
Die moralische Absicht
Die Randstücke der Celestina scheinen eine moralistisch, fast mittelalterlich-christlich
anmutende Absicht ihres oder ihrer Verfasser nahezulegen. Das Werk sei
als Warnung für maßlos Verliebte geschrieben, als Warnung
vor Kupplerinnen und schmeichlerischen, schlechten Dienern. Auch das
Vorwort und die verschiedenen Gedichte, die die Tragicomedia umrahmen,
schlagen verwandte Töne an. Aber auch die Dichtung der Renaissance
wird zu einem sehr großen Teil von wertenden Interpretationen
durchzogen und begleitet. Was die Celestina betrifft, so ist klar, daß
sich ihre Moral nicht auf eine flache Warnung vor ungetreuen Dienstboten
und Klupplerinnen oder in der Verurteilung törichter Liebesleidenschaft
fixieren läßt. Kennzeichnend ist vielmehr eine allgemeine
Sentenzenhaftigkeit ihrer Reden, die kaum einen Aspekt der conditio
humana ausläßt und die sich nicht selten in der Form von
Volksweisheiten z. B. im Munde Celestinas oder der Diener präsentiert,
in Wirklichkeit häufig ein gelehrtes Zitat aus dem umfangreichen
Quellenfundus darstellt, der das Werk charakterisiert9.
Bibliographie
Primärwerk
Rojas, Fernando de (1974³). La Celestina: Tragicomedia de Calisto
y Melibea. Madrid: Alianza
Sekundärwerke
Gilman, Stephen (1974). La Celestina: Arte y estructura. Madrid: Tauris
Ediciones
Neuschäfer, Hans-Jörg [Hrsg.] (1997). Spanische Literaturgeschichte.
Stuttgart: Metzler
Maravall, José Antonio (1968²). El mundo social de "La
Celestina". Madrid: Editorial Gredos
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