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Einleitung
Im äußersten Nordwesten Italiens liegt die autonome Region
Valle d'Aosta. Das Aostatal gilt seit Jahrhunderten als beliebtes Durchzugsgebiet.
Die Gründe, die aus dem Aostatal eine im ganzen Alpengebiet einmalige
Region machen, sind nicht nur in seinen historischen und ethnischen Ursprüngen,
sondern auch in der Eigenständigkeit des an zahlreichen landschaftlichen,
natürlichen und menschlichen Reizen reichen, im Laufe der Zeiten
unversehrt gebliebenen Milieus zu suchen. Trotz Industrialisierung und
Tourismus und den damit verbundenen Zuwanderungen fremder Menschen hat
sich die Eigenständigkeit des Valdostaners, stets bewahrt.
Zunächst wird das Aostatal hinsichtlich seiner geographischen und
landschaftlichen Gegebenheiten vorgestellt. Dabei handelt es sich gleichzeitig
um eine soziographische Darstellung, die die verschiedenen Strukturen
des Tales mit berücksichtigt. Eine Beschreibung der geschichtlichen
Situation ist unabdingbar um den status quo dieser Region verstehen zu
können. Da di historische Entwicklung in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis
zur sprachlichen steht, werde beide Punkte zusammen bearbeitet. Daran
anschließend werden die wirtschaftlichen Verhältnisse kurz
umrissen. Dabei werden vor allem Emigration und Immigration, deren Einfluss
auf die sprachliche Entwicklung besonders hervorzuheben ist, berücksichtigt.
Danach werden die verschiedenen kulturellen und öffentlichen Institutionen,
die mögliche Träger einer Zweisprachigkeit darstellen, präsentiert.
Das darauf folgende Kapitel beinhaltet eine allgemeine Einführung
zur Vitalität des Französischen, Italienischen und Frankoprovenzalischen.
Darauf aufbauend wird ein Fazit anhand der von Sabine Claudia Schulz durchgeführten
Untersuchung formuliert.
Geographie
Geographische Abgrenzung
Das Aostatal, welches sich im Nordwesten Italiens in der Form eines Rechteckes
erstreckt, ist ein inneralpines Gebiet, das weder diesseits noch jenseits
der Berge liegt. Im Norden grenzt das Tal an die Walliser Alpen, im Westen
an das Mont-Blanc-Massiv und im Süden an die Grajischen Alpen. Somit
liegt das Aostatal in Zusammenschluß mit Frankreich, der Schweiz
und Italien. Seine Grenzen sind natürliche Grenzen, nämlich
die Berge Gran Paradiso im Süden, der Mont Blanc im Westen und das
Monte-Rosa-Massiv im Norden. Im Osten wird das Aostatal durch die Schlucht
von Bard und den Montjovet-Felsen abgeschlossen.
Die Hauptstadt Aosta
Im Jahre 25 v.C. wurde in der Talsohle das einstige "Augusta Praetoria"
durch die Römer gegründet. Nach der römischen Herrschaft
änderte sich nur wenig. Die Bauten wurden im Mittelalter nur spärlich
erweitert. Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich auch der Name vom
ehemaligen "Augusta Praetoria" über "Augusta"
bis zum heutigen "Aosta". Aosta ist Regionshauptstadt und Sitz
der valdostanischen Regierung, die immer darauf bedacht ist, die autonomen
Rechte der Region vor dem Staat Italien zu vertreten.
Auffällig ist, dass trotz der relativ großen Ausdehnung, negative
Erscheinungen moderner Städte durch die gebirgige Umgebung nicht
sichtbar werden. Das enge Beieinanderliegen von Natur, Bergwelt und Tradition
sowie technischer Fortschritt, moderne Denk- und Lebensweise verbunden
mit gewisser Toleranz gegenüber verschiedenen Kulturen und Sprachen,
zeichnen das Bild der Regionshauptstadt.
Geschichte des Aostatales unter linguistischen Gesichtspunkten
Das Aostatal hat eine eigene Geschichte, die vor allem eine Geschichte
des Kampfes und der Verteidigung ihrer Autonomie in politischen, administrativen,
kulturellen und linguistischen Sinne, ist. Bei der folgenden Beschreibung
beziehe ich mich überwiegend auf Sabine Claudia Schulz .
Salasser
Die meisten Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass ab etwa
400 v.C. die Salasser in dieser Region ansässig waren. Die Autonomie
des valdostanischen Volkes wird heute noch immer auf die hohe Eigenständigkeit,
die bereits den Salassern eigen war, zurückgeführt. Weniger
Einigkeit jedoch herrscht über den keltischen oder ligurischen Ursprung
der Salasser. Es scheint, dass die Salasser keine Kelten waren. Dennoch
muß es eine Keltisierung in zwei Etappen gegeben haben müssen.
Es ist allerdings nicht eindeutig ob die Kelten von Norden oder Süden
ins Aostatal gekommen sind.
Römisches Imperium
143 v.C. wurden die friedlichen Salasser den ersten kriegerischen Angriffen
der Römer ausgesetzt. Durch deren harten Widerstand gelang ihnen
dies allerdings erst 25 v.C. Die folgenden 450 Jahre waren mit der Romanisierung
des Aostatales verbunden. Die Dominanz der römischen Kultur ließ
Aosta zu einer blühenden Provinzstadt heranwachsen. Die wirtschaftliche
und militärische Macht der Römer bewirkte auch eine starke Ausdehnung
der lateinischen Kultur und Sprache. Dabei versuchten sie nie, den unterworfenen
Völkern die eigene Sprache aufzuzwingen. Da das klassische Latein
nur von den gebildeten Schichten verstanden wurde, bedienten sich die
einfachen Bürger und Koloniebewohner des Vulgärlateins. Vor
allem in den ersten Jahrhunderten römischer Herrschaft, gab es in
den zwischen Römern und Salassern geführten Gesprächen,
immer wieder keltische Elemente, da einige Elemente des keltischen Sprachgutes
nie verlorengegangen sind. Diese Tatsache ist besonders für die Autonomiebestrebungen
der Region relevant. Durch die Verschmelzung der Salasser mit den römischen
Kolonisten entstand eine neue Rasse, die durch Eigenständigkeit und
Zusammengehörigkeitsgefühl geprägt war.
Mittelalter
Im Jahre 312 v.C. was das Aostatal von der Povinz Ligurien abgetrennt
und ders Präfektur Gallien angehängt worden. Diese Tatsache
wird heute von vielen Valdostanern als bereits in der Geschichte angelegtes
Zeichen für ihre Zugehörigkeit zur französischen Kultur
und Sprache gewertet. Etwa 160 Jahre später, erlebte das Aostatal
nach dem Verfall des römischen Reiches den Einzug großer Invasionen.
Ursprünglich wollten die Lombarden nach der Eroberung von Norditalien
auch Feldzüge in fränkisches Gebiet unternehmen. Dies scheiterte
jedoch am Widerstand des Merowingerkönigs und führte nach langen
Verhandlung dazu, dass die Lombarden die Täler von Susa und Aosta
an diesen abgeben mussten. Durch die Zugehörigkeit zum burgundischen
Königreich erlebte das Aostatal bedeutende Veränderungen. Durch
die sprachlichen und politischen Veränderungen und durch die engen
Verbundenheit mit Chambéry, Genf und Lyon setzte im Aostatal derselbe
linguistische Verwandlungsprozeß ein wie der in den südöstlichen
Gebieten Frankreichs. Die Sprache des Aostatals nimmt somit schon bald
französische Ausprägungen an.
Unter Historikern und Linguisten herrscht relativ große Einigkeit
über die Existenz frankoprovenzalischer bzw. französischer Strukturen.
Dem Frankoprovenzalischem wird vor allem als örtliche Mundart große
Aufmerksamkeit geschenkt.
Unter Frankoprovenzalisch versteht man eine romanische Dialektgruppe,
die im südöstlichen Teil Frankreichs, in der französischen
Schweiz und im Aostatal gesprochen wird. Sie weisen gewisse gemeinsame
Kriterien auf und unterscheiden sich sowohl von den französischen
als auch provenzalischen Mundarten. Dabei wird betont, dass es sich hierbei
um rein mündliche Spracheinheiten handelt. Es steht fest, dass das
Frankoprovenzalische eine Mischung aus dem Provenzalischen und dem Französischen
ist, wobei es beim Konsonantismus eher mit dem Französischen und
beim Vokalismus eher mit dem Provenzalischen übereinstimmt. Der Wortschatz
verhält sich recht konservativ wobei durch das Vorkommen in alpinen
Gebieten eine hohe Anzahl vorromanischer Relikte vorzufinden sind. Das
Aostatal betreffend, kann man dort einige Elemente burgundischer Herkunft
feststellen, die auf die lange Zugehörigkeit zum burgundischen Königreich
zurückzuführen sind. Im Gegensatz zur französischen Schweiz,
scheint das Frankoprovenzalische im Aostatal noch ziemlich lebendig zu
sein.
Savoyen
Während der Herrschaft des Fürsten von Savoyen konnten sich
in Aosta mehrere reiche Adelsfamilien behaupten. Dies führte zu ständigen
Streitigkeiten um die politische und militärische Überlegenheit
unter den einzelnen Feudalherren. Erst der bilaterale Vertrag "Charte
des Franchises" sicherte den Valdostanern bestimmte Privilegien zu,
um den lokalen Adel zu schwächen. Mit der "Charte des Franchises"
bildete sich im Aostatal eine Art von erster Autonomie.
Die sprachliche Situation im Aostatal ist in etwa mit derjenigen, die
auch für das Gebiet der langue d'oil in dieser Epoche beschrieben
wird, zu vergleichen. Während das Altfranzösische die Schriftsprache
des Aostatales wurde, diente das Frankoprovenzalische weiterhin als mündliche
Sprachform zur Verständigung der Valdostaner untereinander.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das Haus Savoyen nicht mehr im Stande,
dem Aostatal den notwendigen Schutz zu erweisen. Das Aostatal war somit
den schweizerischen Truppen relativ wehrlos ausgesetzt. Im Februar 1535
wurde eine Art Direktorium gegründet, dessen Aufgabe es war, das
Aostatal selbständig zu regieren und die Neutralitätsverträge
mit Frankreich, Spanien und der Schweiz zu bestätigen. Die tatsächliche
Autonomie im Aostatal besteht somit also nicht seit der Erlassung der
"Charte des Franchises" im Jahre 1191, sondern mit der Gründung
des "Conseil des Commis" im Jahre 1536. Neben der Autonomie
in verwaltungstechnischen und politischen Angelegenheiten wurde am 22.
September 1561 durch ein Edikt das Französische zur offiziellen Amtssprache
im Aostatal erklärt. Das valdostanische Volk, das die französische
Sprache nur in geringem Maße beherrschte, verwendete allerdings
im täglichen mündlichen Sprachgebrauch das Frankoprovenzalische.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die französische Sprache durch
die Einrichtung des "Collège Saint-Benin" erneut bestätigt.
Über einen Zeitraum von 250 Jahren war in dieser Schule Französisch
die alleinige Unterrichtssprache.
Das 18. Jahrhundert gilt allgemein als Epoche des Niedergangs im Aostatal.
Der Heimsuchung durch die Pest, folgten französische Invasionen und
eine anschließende Besetzung von 1704 bis 1706. Schließlich
bedeutete die Eröffnung neuer Verkehrswege durch die Alpen, eine
Abnahme der einstigen Monopolstellung des Aostatales und die Schwächung
seiner politischen Eigenständigkeit.
Ein letzter großer Verfechter der valdostanischen Eigenständigkeit
war Jean-Baptiste de Tillier. Als im Jahre 1730 die zentralistisch-absolutistisch
geprägte Politik von Karl-Emmanuel III den valdostanischen Privilegien
ein Ende setzen wollte, erwies sich Tillier wieder als Volksheld. Die
piemontesischen Herrscher jedoch setzten alles daran, die Unabhängigkeit
der Valdostaner zu schwächen. Und mit der Gründung des Königreichs
Sardinien und der Eroberung des Tessins verfolgte auch Savoyen eine immer
absolutistischere Politik. Zwischen 1750 und 1770 wurden alle Privilegien,
die einst mit dem Herzog von Savoyen in Übereinstimmung getroffen
worden waren, abgeschafft. Im Jahre 1773 kam es schließlich zum
endgültigen Niedergang der valdostanischen Autonomie. Es gelang den
Savoyern jedoch nicht, den in den Valdostanern fest verwurzelten Glauben
an Eigenständigkeit und Selbstverwaltung vollkommen zu vernichten.
1792 erklärte Frankreich dem savoyischen König den Krieg und
erfasste Savoyen und damit auch das Aostatal. Trotz erheblicher Widerstände
war Savoyen gezwungen, seine gesamten auf dem Festland befindlichen Gebiete
an Frankreich abzutreten. Zwischen 1798 und 1814 gehörte das Aostatal
also zu Frankreich. Die Ideen der französischen Revolution stießen
bei den Valdostaner jedoch nur auf äußert sparsame Resonanz.
Auch hier spiegeln sich die Eigenständigkeit und vor allem das starke
Zusammengehörigkeitsgefühl der Valdostaner wider. Nach dem Fall
Napoleons im Jahre 1814 gehörte das Aostatal wiederum zu Savoyen,
wobei die französische Sprache zusammen mit dem Frankoprovenzalischen
weiterhin als Sprache des valdostanischen Volkes galt.
Anschluß an das italienische Königreich
Im Jahre 1860 erfolgte der Anschluß des Aostatales an das Königreich
Italien, verbunden mit der gleichzeitigen Trennung von Savoyen. Savoyen
und Nizza gehörten von nun an zu Frankreich, während das französischsprachige
Aosta bei Piemont blieb. Das Aostatal wurde somit zu einer unbedeutenden
französischsprachigen Minderheit innerhalb des neuen italienischen
Staates.
Die nationalistischen italienischen Kräfte wollten die Identität
von Nation und Sprache und setzten alles daran, im Aostatal die italienische
Sprache einzuführen. Die Valdostaner jedoch wollten ihre auf jahrhundertelange
Rechte gestützte Autonomie in sprachlicher und verwaltungstechnischer
Hinsicht behalten. Als die Regierung in Turin im Jahre 1861 die französische
Sprache verbieten wollte, kam es zu den ersten heftigen Reaktionen bei
der valdostanischen Bevölkerung. Im Jahre 1862 ließen sie sich
ihre Zugehörigkeit zum französischen Kulturkreis nachweisen
und erklärten, niemals auf ihre Muttersprache verzichten zu wollen.
1873 wurde in einer Schule zur Heranbildung des Lehrerpersonals für
die valdostanischen Landschulen, Italienisch zur Unterrichtssprache bestimmt.
Sieben Jahre später erfolgte die Abschaffung des Französischen
als Gerichts- und Amtssprache. Nachdem das Französische endgültig
aus allen valdostanischen Schulen verbannt werden sollte, gelang es der
Bevölkerung immerhin, eine Gleichstellung von Französisch und
Italienisch zu erreichen.
Kampf um die Autonomie und Widerstand gegen den Faschismus
Während sich das Unabhängigkeitsbewußtsein der Valdostaner
immer stärker entwickelte, wollte der Faschismus das Problem der
sprachlichen Minderheiten durch eine radikale nationalistische Politik
lösen. Im Jahre 1925 erfolgte, nachdem zwei Jahre zuvor das Französische
aus den Schulen verbannt worden war, auch das Verbot des Gebrauchs der
französischen Sprache in forensischen Angelegenheiten. 1926 wurde
mit der Italianisierung aller öffentlichen Inschriften und Straßennamen
in Aosta begonnen. Neben der Italianisierung der Ortsnamen und einer beabsichtigten
Übersetzung der Familiennamen erfolgte eine weitere künstliche
Durchsetzung des Tales mit der italienischen Sprache durch die Zuwanderung
von italienischen Arbeitskräften.
Im Kampf gegen den faschistischen Nationalismus und Zentralismus strebte
Emile Chanoux, die Schaffung eines Kantons Aostatal nach Schweizer Vorbild
an. Dabei forderte er auch, daß die Zweisprachigkeit in den alpinen
Regionen nicht nur respektiert, sondern vor allem geschützt und gefördert
werden müssen. Er richtet sich nicht gegen die italienische Sprache,
sondern verlangt lediglich die Gleichstellung der valdostanischen Kultursprache
Französisch mit Italienisch. Die föderalistischen Ideen von
Chanoux konnten sich auf der im Dezember 1943 heimlich durchgeführten
Konferenz von Chivasso durchsetzen.
Interessanterweise waren die Bestrebungen der faschistischen Regierung,
im Aostatal die italienische Sprache einzuführen, niemals mit einem
Angriff auf das Frankoprovenzalische als örtlicher Mundart verbunden.
Man bemühte sich vielmehr, den Valdostaner zu beweisen, daß
man ihren Dialekt scheinbar respektiere und daß lediglich das Französische
entfernt werden müsse. Durch eine ausschließlich italienischsprachige
Umgebung wurde auch das Frankoprovenzalische allmählich eliminiert.
Durch die künstliche Separation dieses Dialekts vom Französischen
jeglicher anderen verwandten galloromanischen Sprachform erreichten die
faschistischen Kräfte schließlich eine zunehmende Italianisierung
der Mundart in phonetischer, lexikalischer und syntaktischer Hinsicht.
Außerdem nisteten sich viele Neologismen in das Frankoprovenzalische
ein, was durch die starke Dominanz der italienischen Sprache begründet
ist.
Der Widerstand der valdostanischen Bevölkerung hatte in der Konferenz
von Chivasso seinen Höhepunkt erreicht. Auch der Partisanenkrieg
wurde in Italien mit äußerster Härte geführt. Die
in den Jahren 1944 bis 1946 vorherrschende annexionistische Bewegung suchte
den Anschluß an Frankreich. Gestützt durch einen großen
Teil der valdostanischen Widerständler, einen Teil des Klerus und
vor allem durch die valdostanischen Emigranten in Paris, beriefen sich
die Befürworter dieser Bewegung auf das Selbstbestimmungsrecht der
Völker. Demgegenüber stellt die autonomistische Bewegung zunächst
den Ausdruck des valdostanischen Partikularismus und Opposition gegen
den zentralistischen italienischen Staat dar. Danach sollte sie den Forderungen
der separatistischen Kräfte entgegenwirken oder zumindest zu deren
Mäßigung beitragen. Schließlich trugen die Vertreter
der autonomistischen Bewegung den Sieg über die annexionistische
Bewegung davon. Als direkter Erfolg war die Anerkennung der Autonomie
für das Aostatal zu sehen.
Nach der Befreiung Italiens im Jahre 1945 folgte die Wiederherstellung
der Autonomie im Aostatal. Mit den wirtschaftlichen und administrativen
Privilegien erhielt das Aostatal den Status einer Freizone. Außerdem
wurde die Gleichstellung von Französisch und Italienisch als Amts-
und Schulsprache festgelegt. Mit der Annahme der Verfassung von 1948 fand
die Autonomie des Aostatales ihre verfassungsrechtliche Verankerung und
somit auch die Sicherung des Sprachminderheitenschutzes.
Wirtschaftliche Entwicklung des Aostatales
Emigration und Immigration
Ein wichtiger Fortschritt für die wirtschaftliche Situation im Aostatal
wird Ende des 19. Jahrhunderts durch den Bau der Eisenbahnlinie Aosta
- Iverea repräsentiert. Während nun zum einem ein schnellerer
Transport der valdostanischen Produkte gewährleistet werden konnte,
erhofften sich die Italiener auf der anderen Seite durch die direkte Verbindung
mit Piemont eine schnellere Italianisierung der valdostanischen Bevölkerung.
Zunächst bewirkte die neue Eisenbahnlinie die Auswanderung zahlreicher
Valdostaner nach Piemont, da sie dort bessere Arbeitsmöglichkeiten
als in ihrer Heimat vorfanden. Neben besseren Arbeitsmöglichkeiten
zogen viele Valdostaner die Emigration auch aus sprachpolitischen Gründen
vor. Die zunehmende Italianisierung veranlaßte viele zur Auswanderung
in französischsprachige Gebiete, in denen sie ihre Muttersprache
weiterhin frei sprechen konnten.
Der aufstrebende Fremdenverkehr hatte zur Folge, daß neue Infrastrukturen
entstanden, die vor allem durch norditalienische Firmen unterstützt
wurden. Das bedeutete jedoch für die Valdostaner, daß die daraus
entstandenen Einnahmen nicht ihnen, sondern den italienischen Holdingfirmen
zuflossen. Somit stellt im Prinzip nur der sogenannte private Tourismus
eine wirkliche Erwerbsquelle für den Valdostaner dar. Durch die sich
also zumeist in norditalienischem Besitz befindlichen Fremdenverkehrseinrichtungen
sowie durch das in ihnen beschäftigte, häufig italophone Personal
erfolgte auch in diesem Bereich eine relativ starke Überlagerung
durch die italienische Sprache.
Die für die sprachliche Situation des Aostatales wohl entscheidendsten
Faktoren sind die zahlreichen Emigrationen und Immigrationen, die dieses
Gebiet seit der Jahrhundertwende bis zu unseren Tagen kennzeichnen. Zum
einen müssen bereits die vielen frankophonen Auswanderer einen Rückgang
der französischen Sprache zwingenderweise hervorrufen, zum anderen
ist in der Vermischung mit italienischsprachigen Immigranten eine Gefahr
für die Verdängung der französischen Sprache, die neben
dem Frankoprovenzalischen für Jahrhunderte die autochthone Sprache
der Valdostaner darstellt, zu sehen.
Kirche im Aostatal
Die valdostanische Kirche spielt für die Bewahrung der französischen
Sprache und Kultur eine wichtige Rolle.
In der ersten Phase, während die Souveränität des Papstes
über die Vatikanstadt anerkannt wurde, gewährte der Papst auf
der anderen Seite dem Königreich Italien die seit 1870 verweigerte
Anerkennung. Die katholische Religion wurde zur Staatsreligion Italiens.
Die lange Zugehörigkeit zu Savoyen erklärt, weshalb die valdostanische
Kirche für einen so ausgedehnten Zeitraum ihre gallikanischen Privilegien
hatte aufrechterhalten können. Auch mit der Eingliederung ins italienische
Königreich kämpfte der Klerus stets darum, die französische
Sprache zu erhalten. In der Zeit um 1929 behielt die Kirche im Aostatal
ihren valdostanischen Sonderstatus bei. Ab 1930 jedoch spaltete sie sich
in zwei Hälften, von denen die eine regional-traditional, also französisch,
orientiert war, die andere Hälfte hingegen völlig italienisch
ausgerichtet war. In der dritten Phase, deren Einsetzen nicht genau festgelegt
werden kann, zeichnete sich die valdostanische Kirche durch eine kontinuierlich
ansteigende Tendenz, sich in das politisch-kirchliche System Italiens
einzufügen, aus.
Trotz dieser Integration konnte sich die französische Sprache zur
Zeit des Faschismus in der Kirche länger halten als in allen anderen
sozialen und öffentlichen Einrichtungen des Tales. Vor allem die
älteren Vertreter des valdostanischen Klerus setzten sich auch nach
Beendigung des Krieges noch für den Erhalt der französischen
Sprache und Traditionen ein. Heute sind fast alle französischen Relikte
aus den valdostanischen Kirchen verschwunden. Zwar können die Messen
sowohl in französischer als auch in italienischer Sprache gehalten
werden, tatsächlich ist die Sprache der Kirche heute grundsätzlich
Italienisch. Das ist neben der starken Bindung zu Rom vor allem auch auf
die italienischsprachige Ausbildung der Pfarrer sowie auf ihre Herkunft
aus anderen italophonen Gebieten des Landes zurückzuführen.
Somit hat die valdostanische Kirche schon seit langem nicht mehr die Funktion
der Erhaltung der französischen Sprache und Kultur. Andere öffentliche
Institutionen, wie zum Beispiel die Schule, haben diese komplexe Aufgabe
in der heutigen Zeit übernommen.
Vitalität des Französischen, Frankoprovenzalischen und Italienischen
Um ein repräsentatives Bild der linguistischen Situation für
die gesamte Region Aostatal zu erhalten, ist es notwendig, die Untersuchungen
nicht nur auf ein bestimmtes Gebiet zu beschränken, sondern möglichst
viele, strukturell unterschiedlich angelegte Orte einzubeziehen. Aus diesem
Grunde werde ich mich bei der Bearbeitung und Auswertung auf die Befragungen
von Sabine Claudia Schulz beziehen. Dabei wurden von ihr Bewohner aus
ländlichen, mittleren Bergregionen sowie aus einem touristischen
und industriellen Ballungszentrum befragt. Aus den Einzelergebnissen pro
Untersuchungsgebiet läßt sich schließlich ein Proträt
der gesamten Region Aostatal ableiten.
Im folgenden sollen alle in die linguistische Untersuchung einbezogenen
Gemeinden kurz hinsichtlich ihrer besonderen Charakteristiken vorgestellt
werden.
Das von Aosta ungefähr 18 Kilometer entfernte Bergdorf Etroubles
gilt seit jeher als das Zentrum im Tal des Großen Sankt Bernhard.
Neben seiner Funktion als beliebter Haltepunkt auf der Strecke Schweiz
- Italien hat sich Etroubles heute zum kulturellen und touristischen Mittelpunkt
des Tales entwickelt. Etwa 19 Kilometer von Aosta entfernt befindet sich
Saint-Oyen, ein kleines, noch heute ursprüngliches Bergdorf. Im Gegensatz
zu Etroubles ist es kulturell und touristisch weniger entwickelt. Seine
Einwohner betreiben hauptsächlich Forst- und Landwirtschaft. Viele
haben jedoch ihre beruflichen Aktivitäten in die Stadt, zum Beispiel
nach Aosta, verlegt. In etwa 21 Kilometer Entfernung befinden sich die
beiden zu einer Gemeinde gehörenden Dörfer Saint-Rhémy
und Bosses. Saint-Rhémy ist heute fast ausgestorben. Im Rahmen
der linguistischen Untersuchung, spielen bei Aosta vor allem die typisch
städtischen Phänomene wie Mischbevölkerung, Mobilität,
Industrie, Handel und Fremdenverkehr eine wichtige Rolle.
Ergebnisse in Etroubles, Saint-Oyen und Saint-Rhémy
Allgemeine Sprachverwendung
Die Sprache in der Familie ist grundsätzlich Frankoprovenzalisch
oder Italienisch. Dabei wird Italienisch bis auf einige Ausnahmen eigentlich
nur in den Familien gesprochen, in denen einer der Ehepartner nicht aus
dem Aostatal, sondern aus anderen Regionen Italiens stammt. Französisch
hingegen wird nur äußerst selten innerhalb der Familie gesprochen.
Das Frankoprovenzalische hat also innerhalb der Familie einen hohen Stellenwert.
Am Arbeitsplatz richtet sich die Sprache nach den einzelnen Berufen der
Gewährspersonen. Für die Kinder und Jugendlichen, die noch zur
Schule gehen, erhält man fast immer alle drei Sprachen. Dabei gilt
jedoch grundsätzlich, daß sie untereinander Frankoprovenzalisch
oder Italienisch sprechen, im Unterricht meist Italienisch, nur selten
Französisch. Nur die jüngeren unter ihnen gaben an, auch im
Unterricht sehr viel Französisch zu sprechen.
Bei den Erwachsenen gebrauchen diejenigen, deren Berufe in direkter Verbindung
mit dem Fremdenverkehr stehen, neben Italienisch und Frankoprovenzalisch
auch Französisch. Ebenso verwenden valdostanische Beamte Französisch
und Italienisch. Alle anderen Berufe, vor allem die im industriellen und
handwerklichen Bereich, erfordern lediglich die Kenntnis der italienischen
Sprache. Grundsätzlich gilt, daß intellektuelle Berufe sowie
Tätigkeiten, die einen offiziellen Charakter haben, am ehesten mit
der französischen Sprache konfrontiert werden.
In den Ämtern des Aostatales wird meist Italienisch gesprochen. Französisch
wird nur selten gesprochen. Dort, wo hauptsächlich eingesessene Valdostaner
beschäftigt sind ist die Verständigungssprache grundsätzlich
Frankoprovenzalisch.
Unter Freunden und im Gasthaus sind wiederum bei allen Altersgruppen die
Sprachen Frankoprovenzalisch und Italienisch üblich. Französisch
wurde nur äußerst selten angegeben. Für den privaten Bereich
läßt sich also schon an dieser Stelle eine eindeutige Präferenz
für das Frankoprovenzalische ablesen. Auch unter Kindern und Jugendlichen
wird es noch aktiv verwendet.
Fast alle befragten Personen lesen meist italienischsprachige Zeitungen.
Lediglich einige der Befragten lesen zusätzlich eine französischsprachige
Zeitung. Beim Fernsehen greifen fast alle Gewährspersonen auf französischsprachige
Programme zurück. Während das französischsprachige Fernsehen
bei allen Altersgruppen regen Zuspruch erfährt, liegen im Radiobereich
eindeutige Präferenzen für italienischsprachige Programme vor.
Als Fazit kann man zunächst festhalten, daß sich fast alle
Personen positiv zum Frankoprovenzalischen geäußert haben.
Das gleiche gilt für Familien, in denen ein Ehepartner nicht aus
dem Aostatal stammt und daher keine oder nur geringe Kenntnisse in Frankoprovenzalisch
besitzt. Bei den jüngeren Befragten ist ein leichter Rückgang
im Gebrauch des Dialektes zu verzeichnen. Innerhalb der Familie verwenden
aber auch sie den heimischen Dialekt.
Ganz anders hingegen verhält es sich mit der französischen Sprache.
Während Frankoprovenzalisch und Italienisch täglich verwendet
werden, rückt das Französische als eigentlich nur passiv erlebte
Rezeptionssprache in den Hintergrund. Das Französische findet außer
in den Schulen nur im Bereich der Massenmedien einen relativ festen, jedoch
passiven Platz im täglichen Leben der Valdostaner. Doch auch hier
hat das Italienische ein deutliches Übergewicht.
Aktive Sprachbeherrschung des Frankoprovenzalischen
Die meisten Wörter des Grundwortschatzes sind fast allen Befragten
ausnahmslos bekannt. Die hohen Ergebnisse in den Wortfeldern Zahlen und
Wochentage/Zeitangaben fallen besonders auf. Lediglich die Zahlen stanta
und ouitanta bereiteten einigen Befragten Schwierigkeiten. Dabei handelte
es sich vor allem um die bis 30jährigen, also vornehmlich jüngere
Personen. Bei den Wochentagen/Zeitangaben ergibt sich ein ähnliches
Bild. Hier erwies sich die Nennung von senâ bei den jüngeren
Befragten als besonders schwierig. Ein gewisses Defizit zeigte sich für
dieses Wortfeld außerdem bei der jüngsten Altersgruppe. Obschon
die Gesamtergebnisse auch in den anderen Wortfeldern für eine gute
Beherrschung des Frankoprovenzalischen sprechen, gibt es einige Wörter,
deren Bekanntheitsgrad weniger hoch war. Es fällt auf, daß
dieses besonders die bis 30jährigen betrifft. Es fällt also
auf, daß vom 30. Lebensjahr an grundsätzlich eine bessere Kenntnis
des Frankoprovenzalischen vorliegt.
Für das Frankoprovenzalische kann man insgesamt feststellen, daß
es, trotz kleiner Defizite bei den jüngeren Gewährspersonen,
eine recht stabile Stellung im aktiven Sprachgebrauch der Valdostaner
innehat.
Passive Sprachbeherrschung des Frankoprovenzalischen
Die befragten Personen gaben für fast die Hälfte aller gefragten
Wörter eine französische Entsprechung an. In italienischer Sprache
hingegen erfolgten wesentlich mehr positive Nennungen. Grundsätzlich
sind den älteren Leuten mehr dialektale Ausdrücke bekannt als
jüngeren. Besonders Kinder und Jugendliche konnten nur etwa die Hälfte
der gefragten Wörter richtig beantworten.
Einige frankoprovenzalische Bezeichnungen, die nicht im täglichen
Leben verwendet werden sind den jüngeren Leuten nur in Italienisch
bekannt. Vor allem bei frankoprovenzalischen Wörtern, die stark vom
Französischen abweichen, gab es keine korrekte französische
Entsprechung. Nur sehr gebräuchliche Wörter konnten von fast
allen Gewährspersonen aller Altersgruppen in Französisch genannt
werden.
Alles in allem sind die Französischkenntnisse der Gewährspersonen
für alle Wortfelder deutlich unter der italienischen Sprachkompetenz
anzusiedeln.
Insgesamt sind die Ergebnisse hinsichtlich der französischen Sprachkompetenz
von Kindern und Jugendlichen als eher schlecht zu bezeichnen. Die regressive
Entwicklung der französischen Sprache wird bei jüngeren Gewährspersonen
besonders deutlich, betrifft im allgemeinen aber alle Altersgruppen. Auch
hier ist mit zunehmendem Alter ein Zuwachs in der französischen Sprachkompetenz
zu beobachten.
Ergebnisse in der Stadt Aosta
Allgemeine Sprachverwendung
Während in den Berggemeinden fast ausschließlich alteingesessene
Valdostaner befragt wurden, besitzt in der Stadt Aosta nur knapp die Hälfte
der Befragten valdostanische Eltern. Währende sich in den Berggemeinden
durch eine relativ homogene Gemeinschaft an alteingesessenen Valdostanern
ein durchaus stabiles Bild des Dialektes abzeichnete, ist die Stadt Aosta
durch einen zunehmenden Gebrauch des Italienischen gekennzeichnet. Die
Sprache in der Familie ist grundsätzlich Italienisch. Lediglich ein
Drittel verwendet neben Italienisch auch Frankoprovenzalisch. Auffällig
ist, daß Italienisch auch in den Familien gesprochen wird, in denen
beide Elternteile Valdostaner sind. Französisch hingegen wird nur
äußerst selten innerhalb der Familie gesprochen. Nur einige
wenige geben Französisch neben Italienisch bzw. Frankoprovenzalisch
in der Familie an. Im Gegensatz zu den Berggemeinden scheint das Frankoprovenzalische
auf jeden Fall einen wesentlich niedrigeren Stellenwert im Sprachgebrauch
der Stadtbevölkerung einzunehmen.
Die sprachliche Situation am Arbeitsplatz entspricht in etwa derjenigen
der Berggemeinden. Vor allem Berufe, die in direkter Verbindung mit Fremdenverkehr
stehen, zeichnen sich auch durch den Gebrauch der französischen Sprache
aus. Das gleiche gilt für Beamte. Französisch findet also eigentlich
nur bei den Berufen, die einen offiziellen, politischen oder intellektuellen
Charakter haben, Verwendung. In industriellen oder handwerklichen Berufen
ist die Verständigungssprache fast ausschließlich Italienisch.
In den Ämtern der Stadt Aosta wird grundsätzlich Italienisch
gesprochen. Nur selten wurde Frankoprovenzalisch als Verständigungssprache
zwischen autochthonen Valdostanern angegeben.
Im städtischen Gasthaus gelten ähnliche Bedingungen wie im Amt.
Etwa ein Drittel der Befragten gaben an, auch Frankoprovenzalisch im Wirtshaus
zu verwenden. Einige der autochthonen Valdostaner gaben sogar ausschließlich
Italienisch als Verständigungssprache an. Französisch hingegen
wird nur äußerst selten gebraucht.
Als ähnlich ungünstig für die französische Sprache
erweist sich auch die Situation im Freundeskreis. Es schien, als mache
es den Kindern zumindest bis einem gewissen Alter viel Spaß, in
Französisch miteinander zu sprechen. Erst bei den über 60jährigen
macht sich wieder eine zunehmende Tendenz für den Gebrauch des Französischen
unter Freunden bemerkbar. Auffällig ist, daß nur wenige jüngere
Leute den Dialekt aktiv im Freundeskreis gebrauchen.
Die meistgelesenen Zeitungen sind italienischsprachig. Knapp über
die Hälfte der Befragten lesen darüber hinaus auch französischsprachige
Zeitungen. Auffällig ist, daß fast nur alteingesessene Valdostaner
Interesse an französischsprachiger Lektüre bezeugen. Ähnlich
wie in den Berggemeinden verfolgt mehr als die Hälfte der Befragten
neben italienischen Fernsehprogrammen auch französische Sendungen.
Nur ein Viertel bekundete, bei ihren Fernsehgewohnheiten ein ausschließliches
Interesse an italienischsprachigen Sendungen zu haben. Im Gegensatz zu
dem relativ hohen Interesse an französischsprachigen Fernsehsendungen
stehen die Radiogewohnheiten der Stadtbewohner. Weniger als die Hälfte
verfolgt italienisch- und französischsprachige Programme. Vor allem
unter den jüngeren Befragten zeigten sich auch Nichteingesessene
an französischsprachigen Radiosendungen interessiert, während
bei den Älteren der Anteil an Alteingesessenen überwiegt.
Als Fazit läßt sich zunächst festhalten, daß die
Popularität des Frankoprovenzalischen in der Stadt wesentlich niedriger
zu bewerten ist als etwa in den Berggemeinden. Die italienische Sprache
dominiert in allen Bereichen und Situationen. Darüber hinaus hat
in sogenannten Mischfamilien meist der Gebrauch der italienischen Sprache
Vorrang. Als ähnlich ungünstig erweist sich auch die Situation
der französischen Sprache. Das Französische ist wie in den Berggemeinden
bis auf einige Ausnahmen lediglich passive Rezeptionssprache. In der Stadt
Aosta kann man dennoch bei den meisten Bewohnern Grundkenntnisse in Französisch
voraussetzen.
Aktive Beherrschung des Frankoprovenzalischen
Die Ergebnisse zeigen zunächst, daß die Wörter des Grundwortschatzes
nur etwa der Hälfte aller Gewährspersonen bekannt sind. Während
man in den Berggemeinden ab dem 30. Lebensjahr durchweg gute Kenntnisse
des Frankoprovenzalischen feststellen konnte, muß man in der Stadt
Aosta eine detaillierte Abgrenzung der einzelnen Altersgruppen vornehmen.
Bei Kindern und Jugendlichen beweisen die Ergebnisse nur äußerst
geringe bis überhaupt keine Kenntnisse des Frankoprovenzalischen.
Bei den 22-50jährigen kristallisierten sich mittlere Kenntnisse des
Dialektes heraus. In den älteren Altersgruppen hingegen ließen
sich gute bis sehr gute Grundkenntnisse der Mundart feststellen.
Bei Kindern und Jugendlichen sind in den einzelnen Wortfeldern praktisch
keine aktiven Kenntnisse des Frankoprovenzalischen vorhanden. Bei schwierigeren,
seltener gebrauchten Wörtern zeigten sich fehlende aktive Kenntnisse
des Frankoprovenzalischen bei allen Altersgruppen. Im Wortfeld Zahlen
kannte nur etwa die Hälfte aller Gewährspersonen sämtliche
Wörter dieses Wortfeldes. Wie bereits in den anderen Wortfeldern
verhält sich auch die Situation im Wortfeld Lebensmittel. Schwierigere,
seltener gebrauchte Wörter erhielten im Stadtgebiet Aosta noch weniger
positive Nennungen als in den Berggemeinden. Das Nicht-Wissen von komplizierten
Wörtern manifestierte sich einmal mehr im Wortfeld Kirche. Deutlich
wurde vor allem, daß in diesem Bereich eigentlich nur noch die älteren
Gewährspersonen noch aktive Kenntnisse im Frankoprovenzalischen besitzen.
Im Wortfeld Wochentage/Zeitangaben war sofort eindeutig zu erkennen, wer
die Wörter im täglichen Sprachgebrauch aktiv und kontinuierlich
verwendete. Kannte zum Beispiel eine Gewährsperson die Bezeichnung
für Montag, so waren ihr grundsätzlich auch alle anderen Wochentage
bekannt. Das gleiche war auch umgekehrt der Fall. Fiel die Nennung des
ersten Wochentages negativ aus, so waren in den seltensten Fällen
die weiteren Tage in Frankoprovenzalisch bekannt.
Für das Frankoprovenzalische ist also festzuhalten, daß in
der Stadt Aosta bereits erhebliche Rückgänge hinsichtlich der
aktiven Sprachkompetenz zu verzeichnen sind. Lediglich bei älteren
Stadtbewohnern läßt sich noch ein aktiver Gebrauch der Mundart
feststellen. Bei den jüngeren Altersgruppen findet man nur noch wenige
aktive Sprecher des Frankoprovenzalischen.
Passive Beherrschung des Frankoprovenzalischen
Die Gruppe der Kinder läßt in diesem Zusammenhang eine interessante
Beobachtung zu. Während das frankoprovenzalische Wort in den meisten
Fällen unbekannt war, erfolgte jedoch bei Angabe der korrekten französischen
Entsprechung durch den Befragten die zumeist richtige Übersetzung
in die italienische Form. Generell scheint es sich zu bestätigen,
daß wer bei der Befragung der aktiven Kenntnisse Defizite aufwies,
bescheinigte seine Unkenntnis und Distanz zum frankoprovenzalischen Dialekt
auch bei der Überprüfung des passiven Wortschatzes. Ansonsten
verhält sich die aktive und passive Kenntnis des Frankoprovenzalischen
in allen Altersgruppen gleich. Wie auch in den Berggemeinden zeichneten
sich erhebliche Defizite in den Wortfeldern Bergpflanzen und Kleidung
ab. Wie bei der Überprüfung der aktiven Kenntnis des Frankoprovenzalischen
konnte man feststellen, daß den älteren Leuten grundsätzlich
mehr dialektale Ausdrücke bekannt sind als den jüngeren. Aber
auch bei älteren Stadtbewohnern zeigte sich mitunter, daß gewisse
Dinge nicht mehr erinnert wurden.
Insgesamt zeigten sich für das Wortfeld Landwirtschaftliche Geräte
erstaunlich hohe Werte. Im Wortfeld Gebirgstiere zeigten sich bei Kindern
und Jugendlichen niedrige Werte an positiven Nennungen. Wie schon in den
Berggemeinden sind die Kenntnisse im Bereich der heimischen Pflanzen eher
als dürftig zu beurteilen. Selbst in italienischer Sprache waren
einer Reihe der Befragten gewisse Pflanzen völlig unbekannt. Deutlich
höhere Resultate wurden im Wortfeld Gemüsesorten erzielt. Besonders
hohe Werte wurden für die frankoprovenzalische Bezeichnung der Kartoffel
erzielt. Im Wortfeld Möbel ergaben sich insgesamt relativ hohe Ergebnisse
an richtigen Nennungen.
Insgesamt ergab die Untersuchung der passiven Kenntnisse des Frankoprovenzalischen
eine etwas höhere durchschnittliche Quote an gewußten Wörtern
als die Untersuchung der aktiven Kenntnisse.
Gesamtergebnis
Festzuhalten sei zunächst, daß das Frankoprovenzalische bei
der autochthonen valdostanischen Bevölkerung generell eine hohe soziale
Einschätzung erfährt. Bis auf wenige Ausnahmen empfinden sie
ihren Dialekt keineswegs als nachteilig, sondern streben seine Bewahrung
an. Die alteingesessenen Valdostaner sind sich ihrer sprachlichen und
ethnischen Eigenständigkeit bewußt und betonen das oftmals
mit einem gewissen Stolz. Das äußert sich in den ländlichen
Gebieten nicht nur durch die Weitergabe des Frankoprovenzalischen an ihre
Kinder, sonder auch durch eine zunehmende Integration des Dialektes in
der Schule. Unter den alteingesessenen befragten Valdostanern in den Berggemeinden
wird daher grundsätzlich Frankoprovenzalisch gesprochen. Lediglich
mit italophonen Immigranten sowie in Mischehen zwischen Valdostanern und
Zugezogenen findet das Italienische Verwendung. Die Untersuchungen zum
aktiven und passiven Wortschatz des Frankoprovenzalischen haben jedoch
ergeben, daß bei jüngeren Personen ein gewisser Rückgang
zu verzeichnen ist. Das betrifft vor allem Wörter, die in enger Verbindung
zur Natur stehen sowie Wörter für außer Gebrauch gekommene
Gegenstände und Tätigkeiten. Während für Begriffe
aus diesen Wortfeldern in den Berggemeinden zumindest noch von einigen
der jüngeren Befragten korrekte frankoprovenzalische Entsprechungen
genannt werden konnten, fielen die Ergebnisse bei den jungen Stadtbewohnern
grundsätzlich negativ aus.
Darüber hinaus konnte bereits in den Berggemeinden eine starke Beeinflussung
des Frankoprovenzalischen durch die italienische Sprache festgestellt
werden. Einige Wörter sind durch das italienische ersetzt, ander
völlig neu in den Dialekt integriert worden. Diese zunehmende Italianisierung
gilt auch für die syntaktischen Strukturen des Frankoprovenzalischen.
Wenn das Frankoprovenzalische in den ländlichen Gebieten auch heute
noch relativ lebendig erscheint, resultiert aus eben diesen Modifikationen
eine der beiden Gefahren für seinen Fortbestand, die als qualitativ
bezeichnet wird. In quantitativer Hinsicht spricht die für die Bevölkerung
der mittleren Gebirgsregionen charakteristische Abwanderung in städtische
Zonen für die allmähliche Aufgabe der valdostanischen Mundart
zugunsten des Italienischen. Eine Tendenz, die durch die Untersuchungen
in der Stadt Aosta eindeutig bestätigt wird: verstärkte, permanente
Konfrontation mit der italienischen Sprache in allen Bereichen, enge Kontakte
zu italophonen Zuwanderern bis hin zu Mischehen sind die ausschlaggebenden
Faktoren für einen stetigen, unaufhaltsamen Rückgang des Frankoprovenzalischen
in der Stadt Aosta.
Im Gegensatz zum Frankoprovenzalischen hat das Französische schon
heute erheblich an Vitalität verloren. Im privaten Bereich wird es
von sämtlichen befragten Valdostanern fast nie verwendet, und in
allen öffentlichen Angelegenheiten ist es zumindest im mündlichen
Sprachgebrauch stark unterrepräsentiert. Lediglich bei kulturellen
Veranstaltungen oder politischen Kundgebungen begegnet man der französischen
Sprache noch relativ häufig. Sowohl in Ämtern als auch in der
Schule liegt ein deutliches Übergewicht der italienischen Sprache
vor, so daß die sicherlich zu befürwortenden Bemühungen,
das Französische zum Beispiel in der Schule gewissermaßen als
Mutter- und Kultursprache der Valdostaner neu zu etablieren, etwas gekünstelt
erscheinen. Das Französische hat heute im Aostatal nicht zuletzt
durch die fehlende Bindung zu Frankreich eher den Status einer neu zu
erlernenden Fremdsprache erworben, welche aktiv nur selten verwendet wird.
Lediglich einige ältere Personen, bei denen sich ein gewisser Oppositionsgeist
gegen den italienischen Faschismus noch heute erhalten hat, sprechen gelegentlich
neben Frankoprovenzalisch auch Französisch. Das gleiche gilt für
eine Minderheit, die sich eben durch den Gebrauch des Französischen
von den vor allem in der Stadt ansässigen italophonen Immigranten
distanzieren will. Nicht zu vernachlässigen ist in diesem Zusammenhang
eine Beobachtung, die bei der Befragung der valdostanischen Kinder getroffen
werden konnte. Durch eine verstärkte Förderung der französischen
Sprache im Unterricht stellte man oftmals einen fast spielerischen Umgang
mit dem Französischen fest. In der Tat erfahren Kinder eine multilinguelle
Gesellschaft als etwas durchaus Natürliches und passen sich einer
anderssprachigen Umwelt viel schneller und natürlicher als Erwachsene
an.
Auch die Ergebnisse zum Wortschatz weisen auf Defizite in der französischen
Sprachkompetenz hin, die sich durch eine fast ausschließlich passive
Konfrontation mit dieser Sprache, zum Beispiel durch das Fernsehen, erklären
lassen. Es scheint also, daß das Französische heute oft nur
noch Mythos und Fassade im Sinne einer Erhaltung der valdostanischen Autonomie
darstellt. Im täglichen Leben jedoch hat es bereits den größten
Teil seiner einstigen Vitalität eingebüßt.
Stattdessen hat sich das Italienische als in allen öffentlichen
Angelegenheiten meist verwendete Sprache etablieren können. Italienisch
bestimmt heute trotz der Gleichstellung der französischen Sprache
das tägliche Leben der Valdostaner in vielfacher Hinsicht. Doch auch
im privaten Bereich zeigt sich vor allem bei den Jüngeren eine zunehmende
Verwendung der italienischen Sprache. Das ist zum einen durch den Kontakt
zu italophonen Immigranten begründet, zum anderen aber auch durch
eine Präferenz der italienischen Sprache gegenüber dem Französischen,
das von vielen Valdostanern als in seinen Strukturen komplizierter als
das Italienische angesehen wird. Die im Gegensatz zum Französischen
positiven Ergebnisse, die sich bei der Befragung zur passiven Beherrschung
des Frankoprovenzalischen für den italienischen Wortschatz herausstellten,
bestätigen die Annahme einer allgemein vorliegenden höheren
Sprachkompetenz im Italienischen. Was die französische Sprachkompetenz
der zugezogenen Valdostaner betrifft, mußte man von einem niedrigen
Niveau ausgehen, da sie in der Regel das Französische niemals erlernt
hatten. Die Befragungen in der Stadt Aosta bestätigen diese Annahme.
Bis auf wenige Ausnahmen konnten bei den italophonen Immigranten keine
Französischkenntnisse ausgemacht werden.
Schließlich ist ein wichtiger Aspekt nicht zu vergessen. Vor allem
junge Valdostaner fühlen sich heute durch und durch als italienische
Staatsbürger und sprechen daher auch die italienische Sprache. Die
subjektive Bewußtseinslage dieser Generationen spricht also ganz
eindeutig gegen das Französische.
Darstellung der Mehrsprachigkeit der Valdostaner
Unter der Voraussetzung, daß das Italienische im Aostatal heute
in etwa so häufig verwendet wird wie das Frankoprovenzalische, kann
man behaupten, daß ein italienisch-frankoprovenzalischer Bilinguismus
an die Stelle eines französisch- frankoprovenzalischen oder gar französisch-italienischen
Bilinguismus getreten ist. Das Italienische existiert in einer Person
neben dem Frankoprovenzalischen als Nichtstandard oder Dialekt. Das Französische
hingegen müßte in der Hierarchie der Sprachverwendung und Kompetenz
der in den Berggemeinden befragten Valdostaner an dritter Stelle angesiedelt
werden. Es wird im Gegensatz zu den aktiv verwendeten Sprachen Italienisch
und Frankoprovenzalisch fast ausschließlich passiv erlebt und immer
mehr durch das Italienische verdrängt.
In der Stadt Aosta zeigt sich zumindest für die alteingesessenen
Valdostaner ein ähnliches Bild, auch wenn sich der oben beschriebene
Bilinguismus bei den jüngeren Befragten in äußerst reduzierter
Form darstellt. Es ist anzunehmen, daß bereits in naher Zukunft
das Frankoprovenzalische mehr und mehr aus dem Stadtbild Aostas verschwinden
wird, da die Zahl der aktiven Sprecher immer weiter abnimmt, während
die der Italienischverwender stetig steigt. Sehr deutlich wurde auch,
daß das Frankoprovenzalische von den Nichtvaldostanern nicht angenommen
wird. Im Gegenteil: selbst in einer Gesprächsrunde mit einer Überzahl
an Frankoprovenzalischsprechern, erfolgt in der Regel ein "code-switching"
zugunsten des Italienischen. Nachteilig für einen Fortbestand des
Frankoprovenzalischen wirkt sich in diesem Zusammenhang auch die fast
völlig fehlende Verschriftung des Dialektes aus sowie die Uneinheitlichkeit
des Frankoprovenzalischen, welches mitunter Varietäten innerhalb
einer einzigen Gemeinde aufweist.
Was die französische Sprache betrifft, so begegnet man ihr als passive
Rezeptionssprache in der Stadt in jedem Fall häufiger als in den
Berggemeinden. Weit entfernt scheint man jedoch von einem sogenannten
"horizontal bilinguism" zu sein, der besagt, daß zwei
unterschiedliche Sprachen einen gleichwertigen Status in allen offiziellen,
kulturellen und familiären Situationen innehaben. Vielmehr konnte
bewiesen werden, daß die italienische Sprache heute in allen Bereichen
ein deutliches Übergewicht verkörpert.
Die hier getroffenen Schlußfolgerungen beziehen sich auf die Befragungen
von Schulz Sabine Claudia für 280 Gewährspersonen sowie auf
subjektive Eindrücke. Es versteht sich von selbst, daß daß
die Zwei- beziehungsweise Mehrsprachigkeit einzelner Personen von diesen
Werten und Einschätzungen abweichen kann. So werden einige das Gewicht
der französischen Sprache sicherlich höher bewerten als es hier
zum Ausdruck kommt.
Schlußfolgerung
Auf den vergangenen Seiten sind einige Aspekte zum italienisch-französischen
Bilinguismus im Aostatal betrachtet und dabei die örtliche Mundart,
das Frankoprovenzalische, in die Beobachtungen miteinbezogen worden. Ich
bin nunmehr zu der Auffassung gelangt, daß es sich im Aostatal um
einen Plurilinguismus mit Schwerpunkt Italienisch handelt, wenn allen
drei Sprachen eine gewisse Vitalität beigemessen wird.
Die Beleuchtung der historischen Hintergründe hat gezeigt, daß
das Aostatal jahrhundertelang auf Grund seiner Zugehörigkeit zu Savoyen
französischsprachig war. Erst mit dem Anschluß an Italien erfolgte
eine zunehmende, zwanghafte Italianisierung des Tales, die im Faschismus
mit dem völligen Verbot der französischen Sprache ihren Höhepunkt
erreichte. Heute stellt die Region Aostatal eine sprachliche Minderheit
in Italien dar.
Es ist heute auf Grund der fortgeschrittenen Italianisierung notwendig
geworden, das Interesse der Valdostaner an der französischen Sprache
wieder zu erwecken. Dies sollte jedoch nicht im Sinne einer Bewahrung
archaischer Traditionen, sondern vielmehr im Hinblick auf ein sich ständig
mehr öffnendes Europa geschehen. Durch seine günstige Lage im
Herzen Europas und seine unmittelbare Nähe zu frankophonen Gebieten
scheint das Aostatal doch geradezu für die Rolle des sprachlichen
Mittlers prädestiniert zu sein. Es sollte daher seine Rolle als "carrefour
d'Europe" auch im sprachlichen Sinne verstehen.
Doch nicht nur wirtschaftliche Aspekte kennzeichnen die Vorteile von
Mehrsprachigkeit. Für jeden einzelnen bedeutet Mehrsprachigkeit nicht
nur ein sich Öffnen gegenüber fremden Menschen und Kulturen,
sondern durch einen Kulturaustausch vor allem auch eine Erweiterung der
eigenen Kultur und geistigen Freiheit.
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